நன்றி – Nandri

Die erste Fahrt nach Kuppayanallur

August 2016. Ich sitze im Auto von Chennai nach Kuppayanallur, auf dem Weg in die Schule, in der ich das nächste Jahr leben werde. Raus aus dem wilden, unbändigen Citytraffic. Langsam wird es ruhiger, grüner. Vorbei an Ochsen, Marktständen, durch kleine Dörfer hindurch. Überall stechen mir die unvertrauten tamilischen Schriftzeichen in die Augen, kaum zu entziffern.
Palmen, Palmen, Palmen. Alles wirkt so neu auf mich, die Saris, die Farben, die Pflanzen, die Gerüche. So viele Menschen, so chaotisch, so wirr. Indien begrüßt mich laut und lebendig, zeigt sich von seiner ehrlichen Seite. Bin ich schon angekommen, hier in Tamil Nadu? Österreich liegt noch so nahe, Österreich in meinem Kopf, meine Freunde, meine Familie. Wir bleiben stehen, und Dominic kauft mir eine Jasmin-Blumenkette. Unbeholfen schaue ich ihn an. „You have to put it in your hair. It is our tradition. The girls there will help you, no worries“. Ich bekomme außerdem ein Säckchen Mangos in die Hand gedrückt. “We will eat it there.” Nervös schlägt mein Herz bis zum Hals.

Wie wird es werden, in Kuppayanallur? Was erwartet mich dort? Oder besser gesagt: Wer?

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11 ½ Monate, unzählige Jasminblumen im Haar, verspeiste Mangos, unglaubliche Kinder und rührende Freundschaften später.

Ein letztes, herzliches Vanakkam aus Kuppayanallur.

Mein letztes Stündlein hat geschlagen und schon bald werde ich statt heißer, trockener tamilischer Kaatru wieder österreichische Landluft schnuppern.

Was ist momentan so los in Kuppayanallur?

Das neue Schuljahr hat Anfang Juni begonnen und in unserem Gracy Illam Hostel geht es wieder rund zu. Einige Schülerinnen sind nicht wieder gekommen, sie haben die Schule gewechselt, was mich etwas traurig stimmt. Zu gerne hätte ich mich auch persönlich von ihnen verabschiedet, da wir im letzten Jahr doch sehr eng zusammengewachsen sind. Bathma, ein Mädchen, das ich sehr innig in mein Herz geschlossen habe, ist mir zufällig vor drei Wochen über den Weg gestolpert. Wir liefen aufeinander zu, umarmten uns und fragten freudig „Saptingallaa?“.
Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe.

Nach wie vor bringt mich die Frage nach dem Essen zum Schmunzeln.

Mein Freund Prithivi kichernd:
My collegues will ask me first: „How much do you earn?“
My girlfriend will ask me first: “Did you get me a present?”
My father will ask me first: “Is the work not too hard for you?”
But my mother will always ask me first: “Saptiaa?”

Spannend verfolge ich mit, wie die Mädchen älter werden. Jetzt haben wir doch ein Jahr auf engem Raum zusammengelebt, da lernt man sich schon gut kennen, von allen Seiten. Meine letztjährigen Zwerge, die kleinsten Mädchen, haben sich nun zur Aufgabe gemacht, die neuen Sprösslinge mit dem Hostelalltag vertraut zu machen. Es rührt mich, wie verantwortungsbewusst sie mit ihrer Rolle umgehen, und es rührt mich noch mehr, wie vertraut wir miteinander geworden sind.🙂

Spontan hat es mich noch ein paar Tage nach Kodaikanal in die Berge Tamil Nadus verschlagen, wo ich unter anderem Jerald besuchen konnte, mit dem ich letztes Jahr hier in Kuppayanallur gearbeitet habe, der nun aber in einem anderen Schulprojekt in den Bergen bei den Tribalstämmen lebt. Es liegt mir sehr viel an ihm, darum war ich umso glücklicher, mich persönlich von ihm verabschieden zu können.

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Jerald und die Kinder – always joking!

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Der Hitze entflohen, die Zehen in Socken und den Kopf im Schal versteckt, habe ich mir zur Mission gemacht, den Mädchen aus Kuppayanallur ihnen „unbekannte“ tamilische Bergfrüchte mitzubringen, aus frostigen, kalten Höhen.

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the misty mountains of Kodaikanal…

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Mit Sternfrüchten, Birnen und Avocados im Gepäck trudelte ich wieder in Kuppayanallur ein, um die Mädchen mit einem grünen Fruchtsalat zu überraschen, da sie sonst sehr selten Früchte zu essen bekommen, was ich sehr schade finde.

Ich versteckte mich also in der Küche und fing an zu schnippeln. Da ich mittlerweile weiß, wonach sich indische Kinderzungen sehnen, regnete es schön viel Zucker über die Früchte.
Als ich mit Teller und Löffel bewaffnet auf sie zuschritt, ging die Fragerei los.

„Miss, enna adu?“
„What is this, Miss?“
– „Fruitsalad! Wendumaa?“

Ich blickte in misstrauische, leicht angewiederte Blicke und zurückhaltende Gesten. Ihnen schien die ganze Angelegenheit wohl zu gesund. Irgendwo verständlich, wenn man das erste Mal den grünen Avocado“schleim“ erblickt. 🥑🤔

„It is very tasty. And healthy. Trust me!”

Damit konnte ich zumindest die tapfere Kumutha überzeugen, neugierig wurde mir die Hand entgegengestreckt. Das zusammengekniffene Augenpaar verwandelte sich schnell in ein staunendes Lächeln, und sofort streckte sie erneut ihre Hand aus. Die Schlaue, denn ihr war klar, sobald die anderen einmal auf den Geschmack gekommen waren, würde es so schnell keinen Nachschub mehr geben.
Die anderen Mädchen witterten die Leckerei und ehe ich mich versehen konnte, war ich umzingelt von ausgestreckten Händen und schreienden Kinderstimmen.

„Naan wenduum, Miss, Miss“
„No, Miss, I, I, I first“
„Pleeeease Miss, Naan“

Mein Plan schien aufgegangen, schmunzelnd musste ich mich auf die Stufen retten, den Teller über meinem Kopf, sicher vor den hungrigen Schleckermäulern. Dem Zucker sei Dank…

Nalla Sapitoom. We ate very well.😋

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Aufmerksam nehme ich die letzte Zeit wahr, freue mich, für ein Jahr Teil dieses Lebens gewesen zu sein, Teil dieser Kultur. Dankbar bin ich für den Einblick in die Freuden und Sorgen der Menschen in Indiens Dörfern, ihre Lebensweise, ihre Wertvorstellungen.
Ich genieße die letzten Studytimes mit den Mädchen, schimpfe liebevoll mit ihnen, wenn sie ihre Hausübungen nicht erledigen, und schenke ihnen noch meine ganze, ungeteilte Aufmerksamkeit.

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Ja, der Abschied wird nicht einfach für mich werden, aber all die Erlebnisse, Begegnungen, all die Sorgen und Leiden, all die getrockneten Tränen, all die herzhaften Gelächter und stahlenden Augen sind tief verpackt in meinem Herzen. Langsam erkenne ich, wie eng ich mit den Menschen hier zusammengewachsen bin, welch tiefe Freundschaften gedeihen konnten.
Home is, where your heart is! Ich frage mich, wer in diesem Jahr eigentlich wen unterrichtet hat. Ich die Mädchen, oder doch sie mich? 😃

Everything changes, so let’s go with the change! Meine Zeit hier neigt sich dem Ende zu, und ich bin gespannt, wie mich Österreich empfangen wird. Neugierig bin ich auf unsere Kultur, unsere Wertvorstellungen, unsere Gewohnheiten.
Wird alles in ein neues Licht für mich rücken?

Indien ist ehrlich

…das steht außer Frage. Schamlos offenbart es sein tiefstes Selbst, ohne Scheu. Egal ob Dreck, Slums, Armut. Egal ob Spiritualität, Diversität, Farbenpracht. Die Straße spielt die besten Filme. Die Straße ist mein Lehrer. Zu oft habe ich genossen, am Straßenrand Chai zu genießen und die ganze Szenerie auf mich wirken zu lassen, in all seiner Wucht. Indien nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es auf meine Fragen antwortet. Warum so viel Armut? Mühevoll schleppt sich ein beinloser Bettler auf einem Rollbrett auf mich zu, die scheppernde Blechbüchse in der Hand. Warum der ganze Dreck? Eine Frau beißt genüsslich in ihren Schokoriegel, das Plastik segelt ohne schlechtes Gewissen seelenruhig auf den Boden und bleibt liegen. Warum so viel Spiritualität? Eine Menschentraube sammelt sich vor dem kleinen Straßentempel. ‘Om Trayam Bakam Ya jaa Ma he‘ dringt an mein Ohr, Feuerkelche schwingen durch die Luft. Menschen werfen sich vor ihrer Götterstatue auf den Boden. Warum so chaotisch? Drei Autos schieben sich Millimeter um Millimeter vorbei an dem verkehrsbedingt blockierten Bus. Immer noch genug Platz für zwei Motorräder, gefolgt von sechs Menschen, die sich dicht auf die Bustreppe quetschen. Platz gibt es immer, in Indien. „Samosa, Samosa, Samosa“ – und für den Essensverkäufer erst recht!

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🦋நன்றி – Nandri🦋

Zeit, mich bei euch allen riesig zu bedanken, dafür, dass ihr mich mental nach Kuppayanallur begleitet, euch erkundigt und so aktiv meinen Blog mit verfolgt habt.

Auch möchte ich mich von ganzem Herzen bei allen bedanken, die für die Mädchen gespendet haben. Nach meiner Rückkehr wird gemeinsam mit meiner Betreuerin und den Projektleitern entschieden, wie wir das Geld umsetzen werden – und sobald ich mehr Informationen habe, könnt ihr hier nachlesen, wie ihr die Gracy-Illam-Girls unterstützt habt.

Was mir aber noch viel wertvoller als die materiellen Spenden erscheint, ist die Brücke, die wir alle miteinander gebaut haben, zwischen zwei auf den ersten Blick so unterschiedlich wirkenden Kontinenten, Ländern und Sitten. Wir haben miteinander tiefer geblickt, hinter kulturelle Unterschiede, vorbei an Vorurteilen, ab in das kleine Dörfchen Kuppayanallur. Dort sind wir Menschen begegnet, haben ihren Geschichten gelauscht, ihre Sorgen geteilt, herzhaft mit ihnen gelacht.
Und wir alle können aus tiefster Seele stolz sein auf unsere Brücke, die sattelfest steht auf einem Fundament der Solidarität und des Mitgefühls, verbindend.
Kuppayanallur und Österreich, uns Menschen, unsere Herzen.

நன்றி – Romba Nandri. 🦋

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Leb‘ wohl, Kuppayanallur, leb‘ wohl mit all deinen Menschen. Du wirst mir fehlen.

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It’s 10 o’clock

Ein höchstwahrscheinlich vorletztes, ❤-liches Vanakkam aus Kuppayanallur.

Dies wird mit ziemlicher Sicherheit mein vorletzter Blogeintrag werden. Lange hab ich schon nichts mehr von mir hören lassen, aus mehreren Gründen. Sommerferien, ein ausgestorbenes Hostel, ein leerer Schulcampus, und eine Teresa, die es auf Reisen verschlagen hat – in den Norden. 🌏

DSC01334Seit einigen Tagen bin ich aber wieder im schönen, idyllischen Kuppayanallur angelangt und lebe mich langsam nach nomadischem Backpacken wieder ein, genieße festen Boden unter den Füßen. Die Kinder sind noch nicht hier, der Schulstart verzögert sich laufend. Zuerst hieß es, am 01.06. ginge es los. Wegen der unglaublich erdrückenden Hitze hat man den Schulstart aber auf 07. und mittlerweile auf den 12.06. verschoben, ich muss mich also noch ein wenig gedulden, bis meine Schäfchen wieder im Gracy Illam Hostel eintrudeln und wir es gemeinsam zum Leben erwachen lassen können. Ob es jetzt beim 12. bleibt, oder doch der 07. wird – ich werde mich indisch überraschen lassen 😛

Das war das letzte Mal vor Sommerferien, dass ich meine eigene Klasse unterrichten konnte. Den nun bereits angebrochenen letzten Monat werde ich Supplierstunden abhalten und (wahrscheinlich) täglich mit den Neuankömmlingen eine Stunde spoken english üben, aber in wechselnden Klassen.

Heute Morgen kam Berna ins Hostel, da gab es erst mal eine feste Umarmung.  Trotz anfänglicher Schüchternheit und Sprachbarrieren sind wir richtig gute Freundinnen geworden.

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Es ist unglaublich schön, so empfangen zu werden.
Die Rundreise in den Norden hat mir ein neues Indien gezeigt, mich an wunderschöne Orte entführt und meiner Seele neuen Schwung verliehen. Im Herzen hab ich mich aber immer daran erfreut, zu wissen, dass Indien nicht nur touristisches Reiseziel, sondern viel mehr meine Heimat ist, Kuppayanallur mein Zufluchtsort.

Willkommen zuhause, Teresa.

Erstaunlich, wie viel in meiner Abwesenheit passiert ist. Meine Freundin Vincy wirkt richtig selbstbewusst, bald startet sie ihren neuen Job an einer Schule in Chengalpattu, wo sie Englisch unterrichten wird. Ich freue mich riesig für sie. Es macht mich unfassbar glücklich, zu sehen, wie sie ihr Leben in die Hand nimmt und endlich selbst Entscheidungen fällen kann, ein Stück unabhängig wird. Von Vincy durfte ich so viel lernen.

🌌 Niemals seine Träume aufzugeben, niemals das Hoffen verlernen.🌌

Irgendwann werden sich die ganze Mühe und das ganze Warten lohnen – wie ich jetzt bei ihr sehen kann.

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Der Nachmittag, den ich bei ihr zuhause verbracht habe, hatte noch mehr erstaunliche Neuigkeiten zu bieten, denn ihr knapp eineinhalb Jahre alter Neffe Sandeep hat zu plaudern begonnen. Mit großen Glubschaugen und zuckersüßem Lächeln hat er mich die ganze Zeit über freudig Attei – Tante – gerufen, um mir wundervolle Kunststücke vorzuführen. Er kletterte auf einen Polster und sprang quietschvergnügt auf den Boden, das ganze gefühlte zehntausend Mal 😜

Willkommen zuhause, Attei Teresa.

 

 

It’s 10 o’clock 🕙

Zehn Monate ist es her. Vor zehn Monaten stieg ich in den Flieger, ohne den blassesten Schimmer, was mich erwarten würde.

Ob ich mich fürchtete? In gewisser Hinsicht natürlich.
Ob ich während der Zeit hier Heimweh hatte? Phasenweise überkam mich immer wieder Sehnsucht nach zuhause, nach meiner vertrauten Kultur, nach Familie und Freunden. Vor allem, weil Freiheit für mich jetzt eine ganz andere Bedeutung hat. Ich sehe die Menschen hier, wie schlicht sie leben, von geringen Ressourcen. Wasser und Reis sind bei vielen Familien knapp bemessen, für mehr reicht oft das  Geld nicht, denn die meisten Familien stecken durch Kredite in der Schuldenfalle.

Erstmals wird mir so richtig bewusst, wie ich zuhause eigentlich lebe.
In reinstem Luxus.

Was ich habe.
Sauberes, zu genüge verfügbares Trinkwasser, Essen zum wegschmeißen (!), eine Ausbildung und Papiere, die meine Existenz beweisen, Anspruch auf mein Recht; die Möglichkeit zu reisen und die Welt zu sehen.

Alles rückt langsam in ein anderes Licht, und ich höre nicht mehr bloß von sozialer Ungerechtigkeit, sondern sehe sie, fühle sie und lebe sie.

Aber was ist der Unterschied zwischen Fasten und Hungern?

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Reisegedanken

Erst vor kurzem sagte mir Sebi, ein Freund aus Kerala: You foreigners explore more parts of our country than most of us will ever do. I am so jealous of you guys.” Und Sebi hat es immerhin aus Kerala bis nach Delhi geschafft, wo ich ihn kennengelernt habe.

Indien als ein zusammengehöriges Land zu bezeichnen kann sich schnell als schwierig entpuppen, denn ein Staat gleicht kaum dem anderen. Man hört unterschiedliche lokale Sprachen, schnuppert verschiedenste Gerichte, bestaunt abweichende Kleidungsstile, bemerkt andere Gewohnheiten. Es ist, als würde ich Indien jedes Mal ein bisschen mehr aufs Neue entdecken, ein bisschen tiefer blicken, nur um dann erneut verwundert zu staunen über die unglaubliche Vielseitigkeit, die dieses Land so magisch macht und so viele Reisende verzaubert.

Für meine FreundInnen aus Kuppayanallur sehen Urlaub und Reisen gänzlich anders aus, man bleibt im eigenen Staat, die meisten sogar im eigenen District. In den Ferien werden Familie und Verwandte zuhause besucht, mit etwas Glück besucht man vielleicht das eineinhalb Stunden entfernte Mahabalipuram und genießt den Strand. Viele von ihnen kennen die Orte, die ich im Norden besucht habe, nicht. Manche haben zumindest die Namen schon einmal gehört.

Reisen ist ein wunderschönes Privileg, das nicht jedem offen steht.

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Über Indien zu schreiben ist, wie das Land selbst, einfach und kompliziert zugleich. Man findet Antworten, nach denen man vielleicht anfangs gar nicht gesucht hat, stößt allerdings auch auf viele Fragen, die lange Zeit unbeantwortet bleiben können. Mir hilft auf meinem Weg, genau hinzuhören und aufmerksam zu lauschen.

Es ist mir eine Ehre, die Menschen hier mit meinen Worten und Fotos mit auf Reisen zu nehmen, durch ihr eigenes, wunderschönes Land, in das ich mich zutiefst verliebt habe. Ihnen zu erzählen von Orten und Begegnungen, von den verschiedensten Gerichten und Kleidungsstilen.

Aber am meisten ehrt es mich, ihnen stolz zu sagen, wie sehr ich ihr Essen vermisst habe, ihre Sprache, meine Freunde, meine Heimat.

Und dass mir aus all den Orten, die ich bereisen durfte, Kuppayanallur der liebste ist.

 

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🍉 Wassermelonenmosaik 🍉

🍉 Wassermelonenmosaik 🍉

Sonntag.

Saltoschlagende Herzen. Nishanti und Tamil Wani stehen in meinem Zimmer, jubeln vor Freude und bedanken sich bei mir für den wunderschönen Tag. Schön ist, dass ich diese Freude mit ihnen teile, denn ja, auch mein Herz jubelt und schlägt Saltos.

Lasst mich etwas zurückspulen.

Nach einer trotz Deckenventilator heißen und deshalb unruhigen Nacht wache ich heute Morgen mit schwerem Kopf auf. Etwas lustlos schleppe ich mich in die Sonntagsmesse und sitze ebenso lustlos in der Studytime. Obwohl wir sonntags immer draußen lernen, was mir eigentlich sehr gut gefällt, ist heute irgendwie alles „zach“, um es mit österreichischem Fachjargon zu beschreiben.

Meine Laune hebt sich kurzzeitig, als wir in der Pause mit Steinen die noch unreifen, leckeren, grünen Mangos von dem hohen Mangobaum herunterschießen, die wir anschließend mit Marsala und Salz verzehren. Und als uns nach langer Zeit wieder einmal ein Affe besuchen kommt.
A monkey in our monkey hostle,
scherzen Berna und ich.

Ich sehne mich trotzdem sehr danach, kurz vor Mittag nach Uthiramerur zu schlendern, um mir ein paar Hygieneartikel vom Supermarkt zu kaufen. Nach langer Zeit wieder einmal raus aus dem Campus – auch wenn’s bloß der Supermarkt ist. Denn Lustlosigkeit und fehlende Motivation machen mir ganz schön zu schaffen.

Ich gebe Bernathath Bescheid und frage, ob ich ihr irgendetwas mitnehmen soll. Da kommt uns die brillante Idee, Wassermelonen für die Kinder und uns zu kaufen. Ganz schön schwer, so zwei, drei große Wassermelonen. Darum bitte ich Tamil Wani, 6th Standard, mich zu begleiten.

„Romba Jolly Miss!“,  ruft sie mir zu, bevor sie auch schon schnell nach oben saust um sich ihren Churidar anzuziehen und eine Tragetüte zu besorgen. Außerdem kassiert sie noch etwas Geld von einigen Mädchen, um für sie „Eggpuffs“, Bisquits und „Samosas“ mitzubringen. Die Auserwählte, die nach Uthiramerur kommt, hat nämlich die ehrenvolle Aufgabe, das Hostel mit köstlichem Essen und Snacks zu versorgen und wird danach meist den ganzen Tag als kleine Heldin gefeiert. Tamil Wani ist sich ihrer wichtigen Rolle bewusst und wiederholt fein säuberlich die Aufträge einiger Mädchen.

Wir spazieren also Hand in Hand unter der Sonne los, Tamil Wani und ich, die bunten Schals um den Kopf gewickelt, die Tragetüte in der Hand, vorbei an den schwarz glänzenden Wasserbüffeln, die im schattigen Straßengraben weiden und uns mit ihren großen, schwarzen Augen anstarren.

„Bisquit wenduma?“, rufen wir ihnen zu. Do you want some Bisquits?

Tamil Wani erzählt mir, dass sie zuhause einen solchen Wasserbüffel – Erumei – hätten und dass sie als kleines Mädchen einmal auf ihm geritten sei. So gefürchtet habe sie sich dabei, dass sie zu weinen begonnen hätte. Erzählt sie mir mit einem dicken Grinser. Ich schließe mich dem Grinser an.

Wir erreichen Uthiramerur, erledigen meine Besorgungen, kaufen ein paar Lemons bei einem Marktverkäufer, der sich als Vater einer meiner Schülerinnen entpuppt und uns daraufhin noch drei Lemons schenkt; wir grüßen Raj aus Kuppayanallur am Chaistand und feilschen bei einem Spielzeugverkäufer um eine Packung Balloons. Von 200 auf 60 Rupees– eine wahre Meisterleistung. Dank Tamil Wani natürlich, denn ich hätte schon bei 130 eingeschlagen. Knallhart, so wie ich sie (manchmal) kenne. Ich muss erneut grinsen. Es ist schon ein richtig schönes Gefühl, durch das Herz Tamil Nadus zu spazieren, Hand in Hand mit diesem kleinen Mädchen, das ich richtig liebgewonnen habe, und das in diesem indischen Kleinstadtgewirr wohl mehr Acht auf mich gibt, als ich jemals auf sie geben kann. Romba Jolly Miss! Wer hier wohl wen an der Hand hat? Ich grinse.

Wir machen uns schön langsam auf zum Retour-Fußmarsch nach Kuppayanallur, durch das kleine Nachbarsdorf Paththancherry, wo wir die Melonen kaufen wollen. Unsere Tragetasche ist schon halb voll mit lecker duftenden Eggpuffs, knusprigen Samosas, Coconutoil, gut erfeilschten Balloons und Bisquits. Doch dazu zu einem späteren Zeitpunkt.

Erst vorbei an Schneidern und deren Nähmaschinen, an vollen Werkstätten und funkelnden Juwelieren, überholt von Schülern auf Fahrrädern und Bikes. „Hey Miss, how are you?“; von imposanten Ochsenkarren; von vollbeladenen Traktoren, auf deren überstehenden, prallgefüllten, braunen Säcken immer noch zwei, drei Arbeiter mit ihren Turbanen thronen, über indische Straßen wachend, beobachtend, wie Indien sein Eigenleben lebt. Wieder muss ich grinsen, Tamil Wani an der Hand. Oder sie mich? Mein Zuhause. Ich, Teil dieses Lebens. Teil dieses Chaos. Teil dieser überwältigenden Szenerie. Teil dieses bunt gemischten Mosaiks aus Erlebnissen, Schicksalen, Gefühlen. Teil dieses sinnlichen, aus vielen verschiedenen Steinchen liebevoll zusammengesetzten Mosaiks, das die Geschichten unseres Lebens erzählt. Mit all seinen Höhen und Tiefen. Mit all seinen dunklen Schattierungen. Mit all seinen Regenbögen.

Angekommen in Paththancherry erfreuen sich Tamil Wani und ich über den uns angebotenen Melonenpreis. Eine große, hellgrüne, dunkelgrün zebragestreifte Wassermelone um 40 Rupees only – kein Handeln nötig. Das freut unsere eiskalten Feilscherherzen und wir willigen ein. Drei Stück. Bis dahin kein Problem. Bis dahin Romba Jolly Miss. Doch wohin nun mit diesen Riesen?

Ich drücke Tamil Wani den Inhalt unserer Tasche in die Hand und beginne, die drei Melonen zu schlichten. Dann die Eggpuffs. Dann die Samosas. Gefolgt von Bisquits. Und Balloons, und Lemons, und Coconutoil. Soweit so gut. Soweit kein Problem. Doch als wir losmarschieren wollen…

…reißt der Taschenhenkel und die Wassermelonen purzeln auf die Straße, eine platzt leicht. Wie sollen wir es denn jetzt schaffen, das alles zu unserem Hostel zu bringen? Es fehlt uns noch ein ganzes Stück Weg. Doch der Melonenverkäufer überlegt nicht lang.

– Aya, Aya! – Sir, ruft er einem Mann auf einem Bike zu, der prompt stehen bleibt.
– Enna adu, paa? – what’s wrong?
– Bag, Melons, romba custom.
Hostelle po wendum..

..erklären wir.
Indien, da wird nicht lange herumgetan. Schon finden sich Tasche, Tamil Wani und meine Wenigkeit auf Aya’s bike. Soweit so gut. Soweit scheint alles geklärt.  Doch als wir losfahren wollen, purzeln Melone, Coconutoil und Eggpuffs erneut auf die Straße. Ayooooooo. Oje!
Wir können uns kaum halten vor Lachen.

Melonenaya läuft auf uns zu, sammelt Melone, Coconutoil und Eggpuffs ein, drückt sie Tamil Wani und mir in die Hand. Diesmal sichern wir alles erfolgreich und Bikeaya bringt uns ohne weitere Komplikationen zum Hostelgate. Zum Dankeschön biete ich ihm ein paar der Gott sei Dank noch heilen Bisquits an. Romba Nandri, Aya!

Als Tamil Wani und ich mitsamt Melonen zum Hostel spazieren, werden wir wie Helden umjubelt. Die Mädchen stürmen zu uns, nehmen uns Tasche und Melonen ab und lauschen gebannt unseren Berichten. Tamil Wani und ich spielen die Melonenaya-Bikeaya Szene nach; wir alle lachen gemeinsam und verspeisen die saftigen, roten Wassermelonen.

Nach dem Essen gehe ich in mein Zimmer, begleitet von Nishanti und Tamil Wani, vor Freude jubelnd.

– Afternoon Balloon Game, Miss?
– Yes!
– Roooooomba Jolly Miss!

60 Rupee Balloons.

Warum mich das tiefe Bedürfnis drängt, diese Geschichte mit euch zu teilen?

Nicht alles verläuft reibungslos, nicht immer dürfen wir uns im reinen Glück wiegen. Steine von Traurigkeit, Enttäuschung und Frustration kennzeichnen unser Leben. Wir schleppen uns durch Momente, in denen wir uns langweilen, uns nach einem Ortswechsel sehnen, uns etwas fehlt, wir alles unerdenklich Erdenkliche zerdenken und uns woanders hinwünschen.

Immer dahin, wo wir gerade nicht sind.
Immer dann, wenn es gerade nicht geht.

Doch hier genau hinzusehen, hinzuhören, zu erkennen, was man gerade hat, auch wenn wir meinen, es sei nicht viel, und dies bewusst zu leben, egal ob Glück oder Frustration; zu wissen, dass auch darin das Leben mitsamt seiner Zufriedenheit liegen kann, auch wenn es gerade nach nicht viel aussehen mag, ebendann lösen sich alle unerdenklich erdachten blockierenden Gedanken auf und unser Kopf wird frei. Wir schaffen es, den einen Stein, den wir gerade in der Hand halten, in unserem Mosaik zu platzieren und das Gesamtbild unseres Lebens zu bewundern, soweit wir es eben bereits gelebt haben und leben, mit all unseren grauen, dunklen, einfarbigen, bunten, leuchtenden, eckigen und runden Steinchen.

Dem Mosaik meines Lebens darf ich heute auch ein Steinchen hinzufügen, das von Lustlosigkeit erzählt und von Wasserbüffeln, von Melonenayas und Bikeayas, von erfolgreich erfeilschten 60 Rupee-Balloons, duftenden Eggpuffs und knusprigen Samosas; von Bisquits, Lemons und von auf der Straße purzelnden Wassermelonen.

Montag.

Mein Schüler Mohanraj aus Paththancherry konnte die ganze Szenerie amüsiert beobachten, teilt er mir heute im Unterricht mit.
– Miss, you and Tamil Wani, Street – Watermelonfootball!

Tja, was ist dem noch hinzuzufügen?
Romba Jolly, Miss.

Portrait indischer Frauen

Portrait indischer Frauen

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indische Feldarbeiterinnen

Etwas verspätet aber passend zum Weltfrauentag widme ich diesen Blogeintrag indischen Frauen, deren Geschichten mich besonders berührt haben.

Drei Schicksale möchte ich mit euch teilen.

Namita

Namita ist eines meiner Hostelmädchen, 8th standard. Vor kurzem hat sie mir mehr über ihre familiäre Situation erzählt. Ihre Mutter ist weggelaufen als Namita noch ein kleines Baby war. Seitdem hat sie keinen Kontakt mit ihrer Tochter aufgenommen, Namita hat keine Ahnung, wo sich ihre Mutter gerade aufhält, geschweige denn ob es ihr gut geht. Wer jetzt denkt: „Wie kann sie bloß ihr Kind im Stich lassen?“, möge zuerst weiterlesen.
Namita hat mir erzählt, wie wunderhübsch ihre Mutter sei. Eine wahre Augenweide. Das glaube ich ihr sofort, denn auch Namita ist so ein hübsches Mädchen. Kleine Stupsnase, große Augen mit langen Wimpern, seidiges, schulterlanges Haar. Ich kann mir gut ausmalen, wie ihre Mama wohl aussehen mag. Auch ihr Papa weiß, wie hübsch ihre Mama ist. Eigentlich könnte er sich freuen und glücklich schätzen, möge man meinen. Doch leider läuft da etwas ganz schön schief. Namitas Papa trinkt, wie viele Männer in Indiens rural areas, leider zu oft und zu viel. Er wird infolgedessen ganz schön oft ganz schön sauer und wütend. Und eifersüchtig. Und paranoid. Und denkt, Namitas Mama hätte eine Affäre. Erklären oder abstreiten nützt ihr nichts, denn er schlägt zu. Ganz schön oft und ganz schön fest. Keinem Wort aus ihren Lippen traut er. Namitas Mama fasst daraufhin den Entschluss, wegzulaufen. Sich zu retten. Namita muss sie zurücklassen. Ich bezweifle, dass ihr das leicht fällt.

Namita hat, als sie mir das erzählte, zu weinen begonnen und mir gestanden, wie sehr sie sich ihre Mama zurückwünscht.

Ich weiß, dass Namitas Schicksal kein Einzelfall ist, denn die patriarchale und oft noch sehr erzkonservativ denkende indische (Männer-)Welt macht es den Frauen nicht immer einfach. Eine Frau hat hier oft den Haushalt zu meistern, für die Kinder und den Ehemann zu sorgen, täglich drei frisch zubereitete Mahlzeiten auf den Tisch zu zaubern, sich anständig zu benehmen und anzukleiden, sich nicht zu beschweren. Hat sie übrigens einen zusätzlichen Job, ist das „ihr Problem“ und sie kann selbst sehen, wie sie das alles kombiniert. Meine Lehrerkolleginnen können (Klage-)Lieder davon singen. Ihr Tagesablauf ist noch strikter, als der meiner Hostelmädchen.

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einige Fotos der Hostelmaedchen 🙂

Kirthana

Kirthana ist eine meiner Lehrerkolleginnen. 29 Jahre jung, 2 Kinder, arranged marriage. Oft klagt sie bei mir über ihren Mann. In meinen Augen ist er stur, zu konservativ und egomanisch. Kirthana steht fast täglich nach einer sowieso eher schlaflosen Nacht (ihrer kleinen Kinder wegen) um 4:30 morgens auf, um Frühstück und Lunch zuzubereiten. Außerdem muss sie das Haus putzen und vor ihrer Haustür ein Kolam (tamilischer Begriff für Mandalas, die die Eingangsbereiche indischer Häuser zieren) zeichnen, wie vom Vermieter gewünscht wird.

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Sie bereitet übrigens vier verschiedene Mahlzeiten zu, da ihre kleinen Kinder (1 und 3 ½ Jahre jung) andere Mahlzeiten benötigen als ihr Mann. Anfangs hat sie ihrem Mann das gleiche Essen mit in die Arbeit mitgegeben, worauf er sich mehr als deutlich bei ihr beschwert hat.

“He told me I’m lazy, Teres.“

Manchmal hilft er ihr im Haushalt, wie sie mir freudig erzählt, doch meistens hört sie

„That’s women’s work.“

Er sieht sich als Geldverdiener. Dass Kirthana ebenfalls einen Job hat, scheint ihn nicht zu kümmern. Kirthana hat morgens kaum Zeit, sich selbst auf die Schule vorzubereiten. Sie füttert die Kids, ist blitzschnell im Bad und macht sich dann, nicht selten komplett gestresst, auf den Weg in die Schule.

MO-SA bis 5 p.m.

Nach der Schule ausruhen ist Fehlanzeige, denn sie muss sich um die Kinder kümmern und Abendessen zubereiten. Außerdem Kleidung waschen und Haus putzen. Und sich irgendwie selbst auf ihren Job vorbereiten. Oft fällt sie nicht vor 11:00 p.m. ins Bett. Bald zieht die Familie um, weiter weg von Kuppayanallur, näher an der Arbeitsstelle ihres Mannes. Es ist sein Wunsch.

“Yesterday we fought, Teres. He doesn’t care about me.“

Professor Selvi

Anlässlich des Zwischenseminars und des Themas „Women in India“ im Februar besuchten wir ein College, wo wir dem Schicksal einer Professorin lauschten, das mich besonders berührte. Sie unterrichtet dort Human Ressource Management, doch jetzt im März muss sie ihren geliebten und hart umkämpften Job aufgeben. Auf Wunsch ihres Mannes. Ihres konservativen Mannes, der sich gerne als Alleinverdiener und Alleinversorger (oder –herrscher?) der Familie sieht, wie ich meine. Diese Familie hat zwei Kinder, einen Sohn (10 Jahre) und eine Tochter (14 Jahre).

Professor Selvis Ehe wurde nach ihrem Studium und zwei Jahren working experience (schon eher selten, by the way!) arrangiert. Binnen eines Monats wurde der Entschluss gefasst, und sie heiratete ihren Jetzt-Ehemann. Ausdrücklich hat sie unserer Gesprächsrunde mitgeteilt, dass dies ein viel zu kurzer Zeitraum war, um ihren Mann richtig kennenzulernen.

kurze Backgroundinfo bzgl. arranged marriages:

Indiens Gesellschaft ist patriarchal und sehr hierarchisch aufgebaut. Der Meinung der Eltern wird sich kaum widersetzt, geschweige denn der des Vaters. Heutzutage träumen viele junge InderInnen von love marriages, viele andere hingegen haben kein Problem mit arranged marriages, da sie ihren Eltern voll und ganz vertrauen.

“They raised me, so they know what’s best for me. I completely trust them and their decisions. They will definitely choose the right partner for me.”

Es ist nicht so, dass die Kinder überhaupt kein Mitspracherecht haben. Die Eltern machen Vorschläge, den Kindern bleibt Zeit, sich kennenzulernen und eine Entscheidung zu fällen.

Heutzutage ist es übrigens auch schon oft der Fall, dass love marriages (auch intercaste und interreligious marriages!!! 🙂 )stattfinden und die Eltern ihren Kindern viel mehr Freiheiten zugestehen. Es gibt also, wie fast immer und überall auf der Welt, vor allem in Indien, auch bekannt als Land der Gegensätze, zwei Seiten der Medaille.
In Professor Selvis Fall blieb ihr ein Monat Zeit, ihren Zukünftigen kennenzulernen und sich zu entscheiden. In diesem Monat machte ihr Mann einen sehr netten und anständigen Eindruck auf sie, erst viele Monate nach der Hochzeit zeigte er sein wahres Gesicht. Weiter mit der Geschichte…

Nach einigen Ehejahren zieht die Familie aus beruflichen Gründen des Vaters in die USA. Doch als ihre Tochter dort in die Schule gehen soll, befürchtet ihr Vater, dass ihr die emanzipierte und „freizügige“ Luft, die sie dort schnuppert, schaden würde. Er schickt Frau und Kinder zurück nach Tamil Nadu.

Also finden sich Frau und Kinder wieder in altem Heim – Glück allein?
Schön bewacht von der family-in-law. Professor Selvis Schwiegermutter hat ihre Augen überall. Trotzdem bietet sich ihr die Möglichkeit, wieder am College zu unterrichten, ein großer Wunsch geht in Erfüllung, ein Schritt in die Unabhängigkeit wird gemacht.

Kleine Zwischennotiz:

Der nach wie vor in den USA lebende Vater wünscht, dass der Sohn seine higher studies in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten absolviert, um ihm gute Ausbildungs- und Jobmöglichkeiten zu garantieren. Seine Tochter solle lieber in Indien bleiben, der Luft wegen, wie ihr euch denken könnt….

Der Familienalltag geht einige Jahre gut. Selvi lebt allein mit ihren Kindern, sie schmeißt den Haushalt und arbeitet nebenbei Vollzeit als Professorin. Was mich besonders verwundert: Obwohl ihr Mann meilenweit entfernt lebt, muss sie ihm täglich Bescheid geben, um zu bestätigen, wann sie Arbeitsstelle verlässt und wann sie zuhause eintrifft. Ihre eigene Familie oder Freunde kann sie bloß mit seiner Erlaubnis besuchen.
Das hat viel mit dem Kastensystem und dem gesellschaftlichen Druck zu tun, der hier vorherrscht. Würde man Professor Selvi zu oft alleine unterwegs sehen, könnte man meinen, sie habe eine Affäre. Darum ist es unerlässlich, ihren Mann umgehend zu informieren.

Ihr habt gelesen, was mit Namitas Mutter geschah. Leider geschehen in Indien nach wie vor Mercy Kills

>>  Falsch geliebt…

Irgendwann meint ihre mother-in-law wohl, dass Selvi durch ihren Job ihre Familie vernachlässigt, woraufhin ihr Mann folgende Entscheidung fällt: Sie wird ihren Job aufgeben und mitsamt Kindern zu ihrer family-in-law ziehen. Dort hat sie genügend Zeit, sich der Kindererziehung und der Verpflegung der Schwiegereltern zu widmen. Außerdem weiß dadurch ihre family-in-law bestens Bescheid, wo sich Professor Selvi wann herumtreibt.
Diskutieren zwecklos. Also willigt sie ein.

Auf meine Frage hin, ob es denn nicht irgendeine Möglichkeit gäbe, sich dem ganzen Schlamassel zu entziehen, meint sie bloß:

“All my hope lies in my children, especially in my daughter. She realizes how much I suffer and she ensured me that she will never suffer like that, that’s what she will fight for. I cannot change my situation. I simply have to make the best out of it. But I definitely can encourage her to be an independent woman.”

>> Wenn Frauen Frauen unterdruecken…

Ich habe euch heute drei Schicksale geschildert, die mich besonders betroffen machen. Gender inequality ist nach wie vor ein großes Thema in der heutigen Zeit. Den Geschichten dieser Frauen und Mädchen zu lauschen macht mir immer bewusster, wie sehr wir Frauenrechte bewahren und stärken müssen.

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indische Feldarbeiterinnen

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Bei einer Dorfbesichtigung habe ich diese Frauen kennengelernt, die helfen, Haeuser zu bauen.

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Am Weg nach Ongur habe ich diese Ziegenhirtin getroffen.

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Indische Schneiderinnen, die gerade beim Besticken von Stoffen sind. Das war uebrigens in einem Frauenprojekt in der Naehe von Pondicherry.

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Sister Antonia, Selvamary und Bavani – Kochen im Hostel.

Abschließend sei gesagt, dass es genauso viele schöne Geschichten von Frauen und Mädchen hier gibt, aus deren arranged marriages sich Liebe ergeben hat und deren Männer sie respektieren und sie unterstützen, die mithelfen und sich rührend um ihre Familie kümmern.

Ich bitte euch, nicht voreilig über Indien und seine Gesellschaft zu urteilen. Mir hat sehr geholfen, den Hintergründen dieser Kultur sowie der meinigen auf die Spuren zu gehen.

Wie war es denn in Europa vor einigen Jahrzehnten?
Wie sehen europäische Ehen heutzutage aus, wie wird miteinander umgegangen?
Worunter leiden Ehefrauen in Europa?
Welche Werte sind wohl den InderInnen wichtig?
Welche Werte sind mir (als Frau) wichtig?

In diesem Sinne wünsche ich euch mit kleiner Verspätung einen ermutigenden und kraftschöpfenden Weltfrauentag!

Für Namita.

Für Kirthana.

Für Professor Selvi.

Für all die Frauen da draußen, die es schwer haben.

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P.S.: Ich habe die Namen in den Portraits geändert.

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Pfiff zur Halbzeit⚽

🌻 Vanakkam, ihr Liebe🌻

drehs auf die Boxen:  🎧 https://www.youtube.com/watch?v=IaQL23mNY5k 🎧

Es ist Halbzeit in Kuppayanallur, ich bin tatsächlich schon ganze sechs Monate hier und kann selbst kaum glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist. Nächste Woche bekomme ich auch schon den lang ersehnten Besuch von meinen Eltern und bin schon mehr als gespannt, wie es den beiden denn hier so gefallen wird. Die Freude ist nicht nur bei mir groß – die Mädchen freuen sich unheimlich mit mir mit. Im ganzen Hostel hör ich fast pausenlos: „February 2nd your parents varangge“Thanglish vom feinsten!

Erst heute habe ich mich an meine ersten Wochen hier zurück erinnert, an die gemischten Gefühle, die Unsicherheit, an all die Fettnäpfchen, in die ich getreten bin (und in die ich nach wie vor gerne trete 🙊), die Aufregung, das Staunen, das Schmunzeln und an das Kennenlernen. Ich erinnere mich an die erste Nacht hier…alles so fremd,durcheinander, und ich mittendrin, geplagt von immensen Schwierigkeiten, die Gesichter der Mädchen zu unterscheiden; an mein Zimmer, und wie ungewohnt karg es mir erschien. So viele neue Eindrücke prasselten am 04.08.2016, meinem ersten Tag im Gracy Illam Hostel, auf mich ein. Mittlerweile darf ich mich hier stolz zuhause fühlen und spreche heute ja schon als „alter Kuppayanallur-Hase“ zu euch 😎

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Es ist tatsächlich Alltag eingekehrt und ich habe mich schon an all die kuppayanallur’schen Abläufe gewöhnt. Trotzdem finde ich es schön, dass es nach wie vor immer noch Momente gibt, die mich überraschen und mir Neues lehren. So hab ich zum Beispiel vor einigen Tagen einen durch einen schweren (wirklich sehr, sehr schweren!) Dezember-Sturm entwurzelten Baum hinter dem Hostel entdeckt, auf dessen dicken Stamm ich mich nun all zu gern zum Lesen setze. 🌲

Bis auf die Neuigkeit, dass wir fünf neue Gesichter im Gracy Illam begrüßen durften (oh ja, jetzt geht die Schwierigkeit mit dem Namenlernen wieder von vorne los 😜), und dass diesen Samstag eine ELT-Assembly stattfindet (English Language Teaching), für die meine Zwerglein schon mehr als engagiert Dramas, Gedichte, Texte und Lieder vorbereiten, gibt es schulisch nichts großartig Neues. Wir freuen uns alle schon riesig auf Samstag, denn das einstudierte Drama, called 🌏„Save Mother Earth“ bereitet meinen kleinen Schäfchen riesigen Spaß! So viel Spaß, dass Balaji letztens sogar voller Euphorie rückwärts über seine Jausenbox gestolpert ist und sich gekonnt mit einer Rückwärtsrolle abgefedert hat – wir alle (inklusive dem stolz und etwas verwirrt zugleich wirkenden Balaji) haben Tränen gelacht. Ich merke, dass mich dieses „freie Lernen“, Lieder singen und Drama einstudieren noch viel enger mit meiner Klasse und Brindha, der Klassenlehrerin, zusammenschweißt. So macht Schule Spaß!

Was mich nach wie vor mitnimmt, ist der strikt durchorganisierte Hostelalltag der Kinder hier. In letzter Zeit gab es viele Feiertage, die sie leider Gottes hauptsächlich mit lernen verbringen mussten, wie gewohnt von früh bis spät, denn unser Headmaster hat bei seinen Inspektionen anklingen lassen, dass das für ihn oberste Priorität hat. Ich verstehe ihn zum Teil auch, denn in Indien gibt es wirklich viele Feiertage. Kaum ist man wieder im Lernen drin, hat man schon wieder „Feierabend“. Und die SchülerInnen hier denken zuhause keine einzige Sekunde an die Schule (was ja auch sein darf, aber leider schaffen sie es ohne eine gute Bildung und einen guten Schulabschluss nicht aus der Falle der vorherrschenden sozialen Ungerechtigkeit in Indien…). Die Schulleiter verstecken demnach keine bösen Absichten hinter ihren strikten Anforderungen, aber mir schmerzt das Herz, wenn ich die traurigen Gesichter der Mädchen hier sehe, wenn sie sich mal wieder von einer Studytime zur nächsten schleppen, gedanklich aber bei ihren Familien sind. Die Stimmung zwischen uns Hostel-BewohnerInnen und den Schulleitern ist deshalb manchmal ein wenig angespannt, was ich sehr schade finde. Ich versuche zumindest für meine kleinen Schäfchen die Studytimes so bunt wie möglich zu gestalten. Gestern hatten wir Singstunde 🎶, wir haben nämlich eine kleine Chorgruppe gegründet und versammeln uns mehrmals die Woche in der Schulhalle ums Keybord 🎹, wo wir gemeinsam Lieder einstudieren. Witzig wird es gegen Ende, wo wir zu den vorgespeicherten Keybord-Beats wild drauf lostanzen und zumindest für einige Minuten den Lernstoff hocherfreut vergessen.

🐄 Was ich euch ansonsten erzählen kann 🐄

Vor kurzem haben wir in Tamil Nadu „Pongal“ gefeiert 🎋 , gleichzusetzen mit dem Erntedankfest bei uns zuhause. Eigentlich ein schönes, buntes Fest, bei dem Ernte und Kühe gesegnet, und dafür letztere bunt bemalt, mit Balloons und Kräutergirlanden geschmückt durch die Dörfer über die mit Kolams (Mandalas) bemalten Straßen geführt werden.

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Die Stimmung war aber leider sehr enthalten, da die Bauern und Bäuerinnen hier in Indien, vor allem im Süden, stark unter dem Ausbleiben des Monsunregens zu leiden haben.

Kein Regen, keine Ernte, kein Ertrag, kein Geld, kein Essen.

Was mich besonders schockiert, ist die Tatsache der „Bauernsuizide“, ein Problem, das die indische Gesellschaft seit mehreren Jahren heimsucht. Monsanto hat übrigens auch seinen Beitrag dazu zu leisten. Die armen Farmer sehen in Suizid den einzigen Ausweg aus der Misere, viele erliegen Herzinfarkten. Über den Festen der umliegenden Dörfer schwebte eine graue Nebelwolke voll schlechter, gedrückter Stimmung. Das Krächzen der vielen Krähen trug seinen Beitrag dazu bei. 😡

mehr Infos: 

http://www.news.at/a/selbstmorde-indien-der-tod-indiens-bauern-336560

http://www.taz.de/!5302446/ – Artikel von Dürre 2016

 

Umso wichtiger, dass wir uns gemeinsam erinnern, diesen Beruf schätzen zu lernen. Diesen Beruf und all die Stunden Arbeit, die dahinter stecken. Die harte Arbeit nämlich, die die Bäuerinnen und Bauern auf sich nehmen, um uns mit frischen Nahrungsmitteln zu versorgen. Und wie wir an unserem Konsumverhalten arbeiten können, um unsere Mutter Erde wieder ein Stückchen Pestizid-freier und gesunder zu pflegen…  Denn ja, ich bin der Meinung, dass Du und Ich tatsächlich etwas dagegen bewirken können! Ganz nach dem Motto: Du bist, was du isst.

Und die globale Verantwortung fängt bei mir und dem heutigen Tag an 🙂 🌳

Meine Schäfchen können euch gerne mehr darüber erzählen. Save Mother Earth! 🌍

What more?

Ich habe über Silvester im Zuge einer kleinen 🌞 Süden-Rundreise 🌞 mit zwei Volunteers (Richard und Clara) Tamil Nadu und Nachbarstaat Kerala inspiziert, und mich dabei ein großes Stück mehr in Indien, sein Chaos, seine Menschen, seine Kultur und sein Essen verliebt. Es war auch witzig, mich selbst zu beobachten, denn ich sah mich abwechselnd als Touri und als Einheimische. Mal genoss ich, mit zig anderen foreigners „leicht bekleidet“ im Meer schwimmen zu gehen, die Sonne am Bauch kitzeln zu spüren und abends genüsslichst einen Cocktail zu schlürfen, mal begleitete mich tiefe Sehnsucht nach indischen Straßen-Chaiständen und einheimischen Restaurants, dem dortigen Scheppern der Alluminiumteller, dem Masala-Geruch aus der meist offenen Küche, dem lauten Gemurmel der Gäste, den hektischen Fragen „what do you want?“ und dem folgenden Unverständnis seitens des Kellners, als er uns zusah, wie wir gefühlte 20 Minuten unentschlossen in die Menükarte spitzelten, unentschlossen und teilweise überfordert mit der Decodierung der indischen Speisekarte. Wir drei machten uns unseren Spaß daraus und probierten blind drauf los, meistens wurden wir von unserer Risikobereitschaft mehr als positiv belohnt.

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Da verschmausten wir Garlic Naan mit Paneer Butter Masala

Einfach herrlich, einfach indisch ❤

Ein unvergessliches Highlight unserer Reise war eine frühmorgendliche Fischerbootsfahrt auf offenem Meer mit Fazil, einem Fischer, der uns einen Tag zuvor eine Kokosnuss verkauft hatte. Wir kamen mit ihm ins Gespräch und er teilte seine Geschichte mit uns. Erzählte uns von seiner harten Arbeit, seiner Familie, seinem Vater, ebenfalls Fischer, der ihm dieses Handwerk von klein auf lehrte und auch von den modernen Fischerbooten und –netzen, die den traditionellen Fischern oft die ganze Arbeit „rauben“. Er bot uns an, uns am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang mit seinem Boot (das er übrigens aus drei Palmenstämmen selbst gebaut hatte) aufs offene Meer zu nehmen. So fanden wir uns am Folgetag in aller Früh auf einem kleinen Holzfloß und Paddeln in der Hand auf offener See und lauschten der Melodie des Moments, dem leichten Plätschern der kleinen Wellen, wie man sie von weiter draußen kennt, dem Krähen der Vögel über uns und den Geschichten Fazils. ⛵

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Fazils Boot

Soviel zu den letzten Ereignissen aus Indien. Ich hoffe, euch geht es gut und die über Österreich eingebrochene Kaltfront mindert eure Laune nicht. Ich denke an euch und spüre, dass wir uns schon ganz bald wieder sehen werden. Weshalb ich mir ins Gedächtnis rufe, die zweite Halbzeit in vollen Zügen zu nutzen und zu genießen. Aber hey, die „Rapidviertelstunde“ wird’s schon richten!

Anpfiff und Los! ⚽

🌺 Liebe Grüße, Teresa und die Kuppayanallur-Crew 🌺

 

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Gaumenschmaus für die Seele

GASTFREUNDSCHAFT!

GASTFREUNDSCHAFT wird in Indien großgeschrieben. Mittlerweile war ich schon bei vielen Familien aus den umliegenden Dörfern zum Essen eingeladen. Mein fast schon aufdringliches Insistieren, ja keinen großen Aufwand daraus zu machen, wurde dabei eigentlich immer schonungslos überhört. 😛

Heute lade ich dich ein, mit mir mitzugehen.

Ein kleiner Pfad führt an vielen Kühen, Hühnern, Bananenpflanzen, Palmen, Ziegen vorbei zu Mercys Haus (sie arbeitet im School-Office), wo wir heute speisen dürfen. Herzlich werden wir empfangen, Matten werden am Boden ausgebreitet und wir setzen uns im Schneidersitz hin. Es wird geplaudert, und schon bald wird das Essen serviert. Mal auf Tellern, mal auf Bananenblättern. Diesmal auf Tellern. Bevor wir es überhaupt sehen können, dringt schon der köstliche Duft indischer Gewürze unsere Nasen. Korianderblätter, Curryblätter, Chili, Kurkuma. Scheppernde Kochtöpfe. Tamilische Musik, die aus dem kleinen Fernseher dringt. Ein kleiner Ventilator bläst Luft zu uns herüber. Er war ein Geschenk der Chief-Ministerin von Tamil Nadu, weswegen ihr Gesicht groß die Mitte des Wahlgeschenks ziert. Ich muss grinsen. Sie hat mich übrigens auch schon von Mehl- und Zuckerpackungen, Transistorradios und Taschenlampen angelächelt. 😛

Wir waschen uns die Hände im Freien, lassen Wasser aus einem Silbereimer über unsere Finger laufen. Mercy hat sich richtig ins Zeug gelegt, sie präsentiert uns weiche, noch vom Feuer heiße Chapatis. Dazu gibt’s ein Masala-Ei (gekocht, halbiert, in Masala-Gewürzen herausgebraten – ein Gaumenschmaus!), Tomato-Chutney, Sambar. Ihr Vater hat zusätzlich Parottas aus einem Restaurant aus Uthiramerur gebracht. Als Nachspeise gibt’s köstliche homemade-Laddus. Zuwenig gibt’s hier nicht. Von wegen kein großer Aufwand.
Normalerweise schreibt der indische Brauch vor, dass die Köchin/der Koch hinter allen Töpfen sitzt und solang serviert, bis alle genug haben und isst erst danach allein. Diesmal wird mein Insistieren jedoch erhört und Mercy speist gleichzeitig mit uns.  Eigentlich bin ich nach zwei Chapatis schon voll, tatsächlich esse ich aber drei und ein Parotta – das gebührt die Höflichkeit. Außerdem schmeckt es einfach köstlich. Mahlzeit.  🙂

Essen spielt eine zentrale Rolle hier, man erkennt’s schon am Small-Talk.

Wie geht’s dir? Fehlanzeige.

Hast du schon gegessen? – Ja. – Was hast du gegessen? – XXX – Hat’s geschmeckt?
Sapdingalla? – Amaa (Yes) Illai (No) – Enna sapdinnge? – XXX – Nalla irundutschaa? – Amaa, Illai

Woher weht der Wind? Von früher, habe ich mir sagen lassen. Es war (und ist in manchen Gegenden noch immer) leider keine Selbstverständlichkeit, etwas im Magen zu haben. Antwortet man mit „Ja“, schließt das das Wohlbefinden mit ein.

 

GASTFREUNDSCHAFT. TEILEN.

Neben GASTFREUNDSCHAFT wird, wie ich es euch schon mal erzählt hab, auch TEILEN großgeschrieben.

17.11.16. Ich bin zu Tränen gerührt. Im Zug. Again.

Chengalpattu – Chennai. Ich sitze im kunterbunten Frauenabteil, es wird geplaudert, manche dösen vor sich hin. Stop. Bei den Haltestellen steigen VerkäuferInnen ein und aus, jung und alt, Mann und Frau. Angepriesen werden Ananas, Zuckerwatte, Räucherstäbchen, Nüsse, Blumenketten, Gemüse. Auch Tee und Kaffee. Bunt gemischt.

Ein Mann steigt ein. Hauchdünn. Weißes Haar, weißer Bart. Stechend blaue Augen. Weißer Lunghi. Braune Haut. Weißes Handtuch über den Schultern.

Er bettelt.

Geht von Sitz zu Sitz, die Hand ausgestreckt. Manche geben. Manche sehen weg. Mein erster Gedanke: „Ich hoffe, er kommt nicht zu mir. Wenn er sieht, dass ich vom Ausland komme, bleibt er sicher noch länger bei mir stehen, als bei den anderen.“
Ein junges Mädchen, keine 14, gibt ihm Geld. Er bedankt sich, er lächelt, er sieht das Mädchen an. Spricht mit ihr. Sie lächelt. Sie sieht ihn an. Sie spricht mit ihm. Beide lächeln. Er bedankt sich wieder und bleibt eine Weile freundlich neben ihr stehen, bevor er weiter geht. Sie geht ihm hinterher, schenkt ihm eine Tüte voll Essen. Beide lächeln wieder. Beide sprechen wieder. Er bedankt sich wieder. Die Szene erwärmt mein Herz. Ich sehe die beiden an. Ich muss lächeln. Ich krame nach Geld. Der Bettler kommt zu mir. Ich strecke ihm die Münzen entgegen, in seine ausgestreckte, magere Hand. Er bedankt sich. Er lächelt. Ich lächle. Er spricht.

Ich versteh’s leider nicht.
I don’t understand you, I am sorry.

Viele Frauen lächeln uns an. Er sagt danke. Und schüttelt meine Hand. Er sieht mir tief in die Augen, erneut erkenne ich das strahlende Blau.
Das Mädchen sieht mich an, unsere Blicke treffen sich. Wir müssen beide lächeln.
Der Bettler setzt sich auf den Boden, neben eine ältere Frau. Er bietet ihr das Essen an.
Ja, ihr lest richtig. Er, der nichts hat, gibt.

Diese Szene zu sehen hat mich ins Leben gerufen. Das junge Mädchen, keine 14, geht erneut auf ihn zu und schenkt ihm noch eine Tüte voll Sambar-Soße. Er lächelt. Sie lächelt. Ich lächle.

Danke. Danke Indien, dass du mir erneut lernst, worum’s eigentlich geht im Leben.

💜💜💜

 

🌼Mein Zimmer wird lebendig🌼

Schön langsam kehrt der Alltag ein, ich finde meinen Platz im Kuppayanallur-Leben. Das Schöne ist, dass die Mädchen und ich immer enger zusammenwachsen. Ich spüre, wie sie sich mir öffnen und wie auch ich ihnen mein Herz und meine volle Aufmerksamkeit schenke. An Baraci, Raji und Nishanti haben sich als Ziel gesetzt, mein Zimmer zu verschönern und schenken mir selbstgemalte Bilder und Mandalas, die ich natürlich mit großem Stolz aufhänge. Eine Night-Study-Time habe ich in eine Malstunde umgewandelt und den Mädchen gesagt, dass die Bilder den Ladies-Staff-Room schmücken werden – wo sie jetzt auch zum Erfreuen aller die sonst so simpel weißen Wände zieren. 🙂

Es sind die kleinen Hände, die ich halte, die mich halten.😍

Die mich tragen, die mir Kraft geben, die keine Zweifel in mir aufkommen lassen.  Für Momente, in denen ich besonders an zuhause denke, mich die Wehmut plagt, kenne ich mittlerweile schon die beste Medizin: Ich brauche nur aus meinem Zimmer zu gehen…
„Miss, Miss, Miss…“, „Teresa Miss“…
schon laufen vor allem die kleinen Mädchen auf mich zu und erzählen mir, wonach ihnen eben gerade zumute ist. Wenn ich mal eine Study-Time nicht anwesend bin, ernte ich am Abend böse Blicke: „Miss, where have you been? Biiiiiiiig english-homework!!“ – Das lässt das Hostel-Mummy-Herz deutlich höher schlagen! 🙂 😍

 

🍴Ich fange an zu kochen.🍴

Aufgetischt hab ich ein typisch österreichisches „Eapfe-Pürree“ – Erdäpfelpürree.  und ich hab mich ebenfalls in der Zubereitung indischer Süßspeisen bemüht: Golab Jammun – ein TRAUM von einem Gedicht! Tamil Nadu Sweets are simply AMAZING!! Ehrlich, ich wusste, dass ich das indische Essen lieben werde, aber dass es mir tatsächlich so gut schmeckt, überrascht mich selbst! Überaus genieße ich die Tage, wo ich mich mit meinen Freundinnen bei ihnen zuhause im Kochen üben darf. Selbstgekocht schmeckt’s einfach nach wie vor am besten! 😀

 

Ayoooo (Auaaaa) turns into love. 💙

Ich habe mir vor ein paar Wochen den Knöchel beim Spielen verstaucht und konnte bloß humpeln. Die Mädchen machten sich richtig Sorgen um mich, erkundigten sich fast pausenlos: „Miss, are you alright?“ „Do you feel pain?“. Wenn sie mich dann mit ihren fürsorglichen Augen anschauten musste ich einfach lächeln, ich fühle mich so richtig gut aufgehoben hier. Ein paar Mädchen haben in diesen Tagen auch bei mir im Zimmer geschlafen (am Boden, auf einer dünnen Decke, wie es hier so üblich ist), mir Essen und Tee gebracht und neben mir gewartet, bis ich brav alles aufgegessen hatte. Die Portionen waren riesig, als ich ihnen ein Dosai (ähnlich wie Palatschinken, aber aus Reismehl – mit Coconut-Chutney serviert, delicious!!) anbot, sahen sie mich mahnend an und meinten: „Miss, you have to eat everything, then you will get better!“. Wieder musste ich richtig grinsen. Vor meiner Indienreise hatte ich ein wenig Angst vorm Krankwerden, wie ich mich wohl hier fühlen würde. Jetzt weiß ich, dass die Mädchen die BESTEN Krankenschwestern auf der Welt sind. 🙂  💙

Was meine 6C betrifft, kann ich euch mit Stolz sagen, dass die meisten Kinder super Fortschritte machen. Am 24.10. war eine ELT (English-Language-Teaching) Assembly, wo die 6.-8. Klassen Gedichte, Lieder und Drama-Plays auf der Bühne performten. Aswini (10 jahre alt) erzählte eine Kurzgeschichte und 8 Kinder sangen das ELT-Anthem. Sie „on-stage“ zu sehen war ein wunderbares Gefühl, sie konnten sich richtig entfalten. Auch die anderen Kinder haben sich richtig ins Zeug gelegt. Die Schulleiter überlegen nun, öfters so eine Assembly zu machen, um den Kindern die Möglichkeit zu geben, sich zu präsentieren und die Schüchternheit beim Englisch-Sprechen abzulegen. Eine tolle Idee, wie ich finde. Sie sollen spüren, dass auch sie „Leader“ sein können und zu Großem fähig sind. Leider hat ihnen die jahrzehntelange Unterdrückung ihrer Kaste oft das Selbstvertrauen genommen und sie zweifeln an ihrem Können. Da sind solche Veranstaltungen wirklich gute Ansätze, um ihnen Vertrauen in sich selbst zu geben.

Ich freu mich riesig, dass ich einige meiner 12 6C-Schüler richtig zum Englisch-Lernen motivieren konnte. Akash war eigentlich immer ein unkonzentrierter Junge, der lieber aus dem Fenster schaute, oder seine Tintenpatronen wechselte (und dabei nicht selten seine rote Hose, sein Heft und den Boden bekleckerte 😛 ), anstatt mir zuzuhören.

Aber wie könnte ich denn jemals böse sein, wenn die Kinder selbst nach den „schlimmen“, unruhigen Stunden zu mir herkommen und mir einen schönen Tag wünschen. „Have a nice day, Miss!“ – mit einem Lächeln im Gesicht, einem Funkeln in den Augen – schon ist aller Ärger verflogen! 🙂
Einmal also behielt ich Akash und drei andere unruhig gewesene Kinder nach dem Unterricht etwas länger im Klassenzimmer und erklärte ihnen noch einmal, was wir in der Stunde durchgemacht hatten. Seitdem hat sie der Ehrgeiz gepackt und sie machen (fast) immer mit.

Wir präsentieren euch voller Stolz unser Adjective-Project, das jetzt die Wände des ELT-Rooms ziert.  (siehe Fotos!) Das lässt das Volunteer – Herz deutlich höher schlagen. Bald sind übrigens wieder Exams (2. Dez. Woche) – wish us all the best! 🙂

Enough talking, now it’s Picture-Time!!

💐 liebste Grüße aus dem kunterbunten Kuppayanallur! 💐

Pojtu-wareen!

Eure Teresa 🙂

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some photo-explanations:

Diwali-Celebration: Diwali (Tamil: Deepawali) ist ein Lichterfest. Im Zuge dessen haben wir den Boden vorm Gracy-Illam Hostel bunt bemalt und beleuchtet – wunderschön anzusehen. Abends bin ich durch Kuppayanallur geschlendert. Mandalas (Kolams), Kerzen, Räucherstäbchen, Sternderlspritzer und kleine Feuerwerke everywhere.

Meine Schüler, on stage und in der Klasse 🙂

Funny Breakfast, Hostelkinder und Bernathat, die zweite Lehrerin, die hier wohnt
🌳 Banyan Tree – ein sehr bedeutender Meditationsbaum, Luftwurzler: Seine Äste wachsen gen Boden um sich dort wieder mit der Erde zu verbinden und Wurzeln zu schlagen…. what a deep meaning  🙂

Mahabalipuram – Ausflug mit den Ongur-Hostelkindern (5-10 Jahre alt) – ein wunderschöner Tag, ein einzigartiges Erlebnis 🙂 Der runde Stein, den ihr sehen könnt, wird „Krishna’s butter ball“ genannt. It is a naturally shaped stone – not a single earthquake or Tsunami were able to move it. Er wird nur durch die Schwerkraft gehalten. Weder Mensch noch Tier waren jemals dazu in der Lage, den Stein zu bewegen. Die Legende besagt, dass einst sogar an die 7 Elefanten versucht haben, ihn ins Rollen zu bringen – without success!… earth’s miracles are wonderful 🙂

Im Zug

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🌼 Vanakkam aus Kuppayanallur 🌼

Impressionen einer Zugfahrt 🚇

Indiens Züge sind anders, Indiens Züge sind voller Leben. Indiens Züge sind lang, Königskobras ähnelnd schleichen sie von Nord nach Süd, von Ost nach West. Kreuz und quer. Das „ordinary class“ Abteil ist randvoll, dicht aneinandergedrängt, der Zug ist schon bereit, abzufahren, Menschen steigen noch immer zu, schieben noch immer nach, wollen noch immer mit. Es „wurlt“, man murmelt, man lacht, man spricht. Aus Du und Dir und Mir wird Wir. Wir alle werden zum Zug, wir alle fahren mit. Jedes Gesicht ist auf seiner persönlichen Reise, hat sein eigenes Ziel, doch in diesem Jetzt und Hier sind wir alle im selben Abteil, im selben Zug, im selben Moment.
Es ist Abend, der Hunger macht sich breit. Die Leute beginnen, ihr Take-Away-Food auszubreiten. Im Schneidersitz beugen wir uns über Bananenblätter, die uns als Teller dienen. Heute gibt’s Chapati, die Sauce läuft über das grüne Blatt, doch die leicht gewölbten Ränder verhindern, dass ich patze. Mein Nachbar verspeist leckere Idlis und fragt mich sogleich, ob ich etwas von ihm möchte. Ich verneine dankend und nehme wahr, wie das ganze Zugabteil miteinander zu sprechen beginnt. Man teilt, man tauscht, man wird gesellig, es gibt kein Dich und Mich, aus Du und Dir und Mir wird Wir. Studenten, Familien (jung, alt, groß, klein), ältere Menschen, ich und natürlich der Zug.

Am lautesten vernehme ich die Stimme des Zuges im Zwischenabteil, der Blick durch leere Türangeln öffnet mir die Türen zu einem mir neuen Indien, ich genieße den Fahrtwind, vernehme das Rattern der Schienen, nehme im Dunkeln die Schatten der Palmen und der Bäume wahr. Es ist Nacht, die Sonne ist noch nicht aufgegangen, am nächsten Bahnhof werde ich mich von dem Zug verabschieden. Ich warte. Es regnet leicht, ich kann es fühlen, wenn ich die Hand durch die türlose Tür strecke, die Regentropfen, die meine Haut kitzeln, der Fahrtwind, der meine Finger umschlingt und mir zärtlich die Hand schüttelt. Der Zug spricht zu mir, lässt mich Indien genießen, Indien erleben – auf neue Art und Weise. Ab und zu blitzt es und für einige Sekunden sehe ich meine Umgebung erhellen, die Felder, die Häuser, die Palmen. Doch sowie ich es sehe, wird es wieder dunkel um mich herum und ich lausche wieder den Geschichten, die mir der Zug erzählt. Im Bahnhof angekommen laufen Männer zu den Fenstern, hängen ihre silbernen, großen, tragbaren Kaffeekannen an die Gitter und verkaufen durch die Stäbe köstlichen Kaffee. „Coffee, Coffee, Coffee“. Ich steige aus, der Zug rollt noch leicht. Auf Wiedersehen. Ich spüre den festen Boden unter meinen Füßen, das Rattern verstummt. Aus dem Wir werde wieder Ich.

Was tut sich so in Kuppayanallur?

Share and Care  ❤️

Gleich vorweg möchte ich das Thema „teilen“ ansprechen, denn das wird hier besonders großgeschrieben: Jeden Tag, wenn ich mit den anderen Lehrern im Staff-Room sitze, teilen sie ihr köstlich gekochtes Essen mit mir. Die meisten bringen ihr Frühstück und ihren Lunch in die Schule mit und teilen es wirklich mit jedem – eine Selbstverständlichkeit. Einmal hatte Selvi (Tamil Teacher) eine allzu köstliche Süßspeise dabei (Keesari) und die Box wurde reihum im Kreis gereicht, jeder bekam viel davon ab, für sie selbst blieben nur ein paar Happen. Das machte ihr aber nichts aus, ganz im Gegenteil.
Auch strecken mir die Kinder, sobald sie etwas Süßes oder Knabbereien haben, sofort eine Hand voll entgegen – selbst das letzte Stück!!
Wieder passierte es: Ich lehnte ab – worauf ich enttäuschte und frustrierte Blicke erntete. Also nahm ich an und genoss umso mehr. Teilen macht wirklich Spaß, das sehe ich in den Gesichtern der Menschen hier. In Österreich hab ich manchmal Süßigkeiten oder Kaugummis „versteckt“, wenn ich nicht mehr viel hatte, weil ich sie für mich wollte. Das gibt’s hier nicht 🙂

Zum Schulleben:

Wir genossen vor kurzem 10 Tage Ferien, da die Kinder vor 3 Wochen ihr quarterly exam in allen Fächern schrieben. Die Kinder sind danach nachhause zu ihren Familien gefahren. Große Freude! Es hat mich richtig fröhlich gestimmt, sie alle so aufgeweckt und glücklich zu sehen. „Miss, I will miss you.“ hab ich auch gehört, das berührt das Herzal…  🙂  ❤️

Zu den Prüfungen:

In den meisten Klassen (vor allem in den unteren Stufen) läuft es, was ich so mitverfolgen konnte, wie folgt ab: Antworten auswendig lernen und niederschreiben. Vor allem in Englisch meist ohne den Sinn zu erfassen.
In der 6. Klasse haben die Kinder zum Beispiel ein Gedicht auswendig gelernt. Sie konnten mir das ganze Gedicht mühelos aufsagen, wenn ich aber spezifisch auf eine Zeile zeigte, hatten sie Schwierigkeiten, mir diese vorzulesen. Vielen Lehrern und den Jesuiten ist bewusst, dass das nicht der Sinn von „education“ sein kann, leider aber wird dieses  Curriculum so vorgegeben und die Bücher sind danach ausgerichtet.

Gott sei Dank ist es hier aber zumindest für die unteren Schulstufen möglich, das Exam individuell anzupassen. So haben Miss Brinda und ich die Aufgabenstellung für das Englischexam dem Unterricht entsprechend angepasst und den Schülern neue Fragen gegeben – beim Verbessern ernteten wir dann die Früchte, denn viele Kinder haben super abgeschnitten 🙂 Als Belohnung gabt’s bunte „Pickerl“ 🙂 Die Kinder haben sich schön langsam an mich gewöhnt und lernen (meistens) brav mit. Tag für Tag wachsen sie mir ein Stück mehr ans Herz.  ❤️

Ich habe in diesen Exam-Wochen viel nachgedacht.
What is education? Und wie und in welcher Form ist sie am sinnvollsten?
Man lernt fürs Leben, ja, aber wie erklärt man das jungen Kindern? Ich selbst realisiere das auch erst nach und nach… Es waren meine Eltern, die mir oft stundenlang ins Gewissen geredet haben, wenn ich mal wieder nicht lernen oder gar nicht mehr zur Schule gehen wollte. Hier haben die Kinder oftmals diesen Background nicht, keiner sagt ihnen zuhause, sie sollen ihre HÜs erledigen oder lernen.

Ich habe eine Schülerin, die bei allen Prüfungen 0 Punkte schrieb, in jedem Fach hat sie einfach die Fragebögen abgeschrieben und abgegeben. Nachdem ich mich einmal zu ihr gesetzt habe, merkte ich, dass sie nicht lesen kann. Weder Tamil noch Englisch. Ich habe es den Lehrern mitgeteilt, die mir entgegneten, dass dieses Mädchen bei ihren Großeltern lebt, die beide Analphabeten sind. Wer also soll diesem Mädchen zuhause sagen, dass Bildung wichtig für ihr späteres Leben ist oder ihr bei Fragen zur Hausübung beiseite stehen? Meistens sind diese Kinder nämlich die erste Bildungsgeneration. Viele Eltern können weder Tamil lesen noch schreiben.

Was ich noch zu den Prüfungen sagen möchte: Bis zur 10. Schulstufe bestehen praktisch alle Kinder ihren Jahrgang, selbst wenn sie bei dem Exam 0 Punkte bekommen.

Warum ist das so?

Hier muss man sich wieder die vorherrschende Situation in Indien hervorrufen:

Das Kastensystem verhindert Chancengleichheit gekonnt. Wirst du in diese Kaste hineingeboren, heißt das, du sollst auch den damit einhergehenden Beruf erlernen, dich mit denselben Dingen beschäftigen, wie deine Verwandten und dein ganzes Leben danach ausrichten. Für manche Kasten (die auf den untersten Leitersprossen stehen) war (und ist) Bildung (eigentlich) tabu. Die Menschen, die Leder verarbeiten, Straßen fegen,  putzen, …. sollen das ja auch weiterhin machen, wozu brauchen sie denn da Bildung? (Achtung, Sarkasmus).
Es ist ein schwieriges Thema, dass sich nicht allzu leicht erklären lässt, so komplex ist die indische Gesellschaft strukturiert.

Zurück zum Schulwesen:

Genau deshalb lässt man die Kinder in den ersten Klassen aufsteigen – um ihnen aus der Patsche zu helfen, aus der Patsche des Kastensystems, aus der Patsche der sozialen Ungerechtigkeit, damit sie zumindest eine Grundausbildung haben (das gilt vor allem für die arme ländliche Bevölkerung). Doch stimmt es mich fragwürdig, denn die Kinder können (wie mir scheint) keine bzw. nur kleine Früchte von dieser Bildung davontragen und finden sich nach (der manchmal abgebrochenen) Schule wieder in ihrer „Kaste“ vor, und gehen „ihrem“ Beruf nach.

*powercut*

 

Stromausfall…

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Das kann in Indien öfters am Tag passieren.

wer weiß wie lange er diesmal ausbleibt.

Da man vor allem für die Industrie mehr Strom benötig als das Land produzieren kann, wird einfach mal hier und da der Strom für ein paar Minuten abgedreht. „That is our life“, warf mir Fr. Dominic einmal schmunzelnd zu 😛

Auch gibt es nicht immer fließend Wasser im Hostel/am Campus. Manchmal möchte ich Zähneputzen oder Duschen, drehe den Wasserhahn auf und bis auf ein paar Tröpfchen gehe ich leer aus. Dann heißt es warten, warten, warten. In den Badezimmern hier in Tamil Nadu stehen meist große Kübel, die man vorsorglich mit Wasser füllt, falls es mal wieder ausbleibt.

Was ich so gelesen hab, ist das in vielen Slums aber viel schlimmer, denn da gibt’s pro Tag oft nur 1 h Wasser (obwohl diese Gebiete extrem dicht besiedelt sind und ganze Großfamilien auf engstem Raum zusammenwohnen). Da heißt es dann also früh aufstehen und sich in der Reihe mit Töpfen und Kübeln anstellen – das Wasser muss den ganzen Tag für die ganze Familie reichen.

Verglichen damit leben wir im Hostel im reinsten Luxus.

Das Wasser, das in Indien aus den Leitungen kommt, ist kein Trinkwasser! Ärmere Menschen trinken es dennoch, sie haben keine andere Wahl. In der Loyola Higher Secondary School gibt es Gott sei Dank eine Filteranlage, von der alle (LehrerInnen, SchülerInnen, Staff, Hostel-Kids,…) profitieren können.

Kasten, Kasten, Kasten

Ich versuche nun, etwas über das Kastensystem zu erzählen, damit ihr euch die Situation der Menschen die v.a. in den Dörfern leben etwas besser vorstellen kann.

In Indien gibt es vier „Haupt“kasten, die die Gesellschaft strukturieren:
die Brahmanen,  die Kshatriyas, die Vaishyas und die Shudras.

„[…] the highest is that of the Brahmans or priests, below them the Kshatriyas or warriors, then the Vaishyas, in modern usage mainly merchants, and finally the Shudras, the servants or havenots.“ (Homo Hierarchus, Dumont, S. 67)

Man wird in seine Kaste hineingeboren, kann sie nicht einfach so abschütteln, alles geht mit ihr einher: Bildung, Beruf, Wohnsituation, sozialer Status, Familie, Heirat, …
Jede Woche kann man in der Zeitung von sogenannten „Mercykills“ lesen:
Menschen werden von ihren eigenen Familien (!) hingerichtet, weil sie z.B. außerhalb ihrer Kaste geheiratet haben – ein extremes Tabu in Indien (der soziale Druck auf die Familie ist riesig, denn wenn die eigenen Kinder out of their caste heiraten, verliert die ganze Familie ihr Gesicht und wird sozial ausgegrenzt).

Abgesehen von diesen 4 Kasten gibt es noch etliche, kaum zählbare “subcastes”. Und dann gibt es da noch die „outcastes“ (oder Dalits), die nicht einmal als Teil dieses Systems angesehen werden.

„Those „outcaste people“ have been kept educationally backward, economically poor, socially enslaved“, sie gelten als „impure“ und schmutzig aufgrund ihrer Berufungen, man meidet jeglichen Kontakt mit ihnen, eine bloße Berührung würde die Zugehörigen höherer Kasten „beschmutzen“.

Diese Menschen leben immer gesammelt etwas abseits des eigentlichen Dorfes oder der eigentlichen Stadt. Wie zum Beispiel hier in Kuppayanallur. Eine Freundin hat mich einmal gefragt, woher man in einer Stadt weiß, wer welcher Kaste angehört: you simply ask where one’s living. Antwortet man zB Kuppayanallur, ist klar, dass man zu den outcaste-people gehört. Die Menschen aus einem Gebiet wissen genau über die verschiedenen Wohnareale Bescheid.
Jetzt wird auch klarer, woher der Zweitname „Untouchables“ kommt – simply don’t touch them, if you want to stay „pure“ – es handelt sich um Arbeitsbereiche wie Feldarbeit, putzen, Fleisch- und Lederverarbeitung, …

Widersprüchlich ist, dass der Großteil der indischen Bevölkerung in dem Glauben lebt, das Kastensystem sei tatsächlich abgeschafft, es existiere nicht mehr. Eigentlich ist es das nämlich seit Indiens Unabhängigkeit 1947, trotzdem lebt es in den Köpfen der Gesellschaft weiter. Aufgrund mancher Verbesserungen und Rechte (Dalit-Reservations, …) arbeiten heutzutage zwar viele „Dalits“ auch als Ärzte oder Politiker und verdienen gutes Geld – trotzdem wurde es einem Dalit-Premierminister (!) untersagt, einen Tempel aufgrund seiner „Unreinheit“ zu betreten.
(Er tat’s trotzdem und der Tempel wurde eine Woche lang durch Rituale wieder „gereinigt“.)

„Auch viele Berührungstabus haben überlebt. Es war ausgberechnet der Wellnesguru SriSri Ravishankar, der mir mit seiner „Two Cups“-Kampagne die Augen öffnete.  ʻIn Hunderttausenden von Chai-Shops […] werden für Dalits andere Teeschalen benutzt als für ‚normale‘ Gäste.ʼ“
(Indien, ein Länderportrait, Imhasly, S. 62).

– In manchen Gegenden ist das noch immer so, denn man möchte auf keinen Fall seine Reinheit durch Trinken aus demselben Gefäß verlieren. „Berührungstabus“ trifft den Nagel auf den Kopf.

*powercut*

na, heute trifft’s uns aber oft 🙂

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Die Reservations (Fixplätze, die den outcaste people in Bildungsinstitutionen und Jobs von der Regierung zugesichert werden) sind aber auch keine gerechte Lösung, denn nun möchten viele von etwas höheren Kasten „niedriger gewertet“ werden, um sich einen Platz zu sichern. Aufgrund der vielen „subcastes“ entpuppt es sich als äußerst schwierig, den genauen „Rang“ einer Kaste auszumachen. Auch ist es jetzt für viele „high caste people“ schwierig geworden, in Indien zu arbeiten oder zu studieren, da sie praktisch volle Punktezahl bei Einstiegsprüfungen erreichen müssen  – weswegen viele auswandern, um überhaupt einen Job zu bekommen.
Doch auch das ist nicht allen möglich, denn hier muss gesagt werden, dass „high caste“ heutzutage nicht gleich Reichtum ist. Eine brahmanische Familie kann mittlerweile viel ärmer als eine „outcaste“-Familie sein – aus diesem Blickwinkel schaffen die Reservations erneut ein Problem sozialer Ungerechtigkeit…

Nun aber genug von diesem schwierigen, komplexen Thema.

 (Ahh, Strom ist wieder da 🙂)

Ich möchte euch jetzt noch ein kleines Erlebnis schildern, das mich besonders zum Nachdenken angeregt hat.

Uthiramerur (nächstgrößere Stadt), im Supermarkt:

Wirklich alle Kekspackungen mindestens 3 Monate abgelaufen…
Schokoladen größtenteils geschmolzen….
Kühlung gibt es nicht immer, und wenn, unterbrechen die Powercuts oft die Kühlkette.
Eingekauft hab ich trotzdem  –geschmeckt hat‘s auch! (Das ließ mich wieder über die europäische Essensverschwendung bzgl. Mindesthaltbarkeitsdatums grübeln …   denn vieles ist trotz abgelaufenem Datum noch verzehrbar!)

☀️ Soviel zum Monat September ☀️

 

Zum Abschied noch eine witzige Anekdote – this happens only in India!

Ich war vor den Ferien mit den Hostelmädchen auf der Spielwiese, um den Kopf von der ganzen Lernerei freizubekommen. Bunt verteilt spielten einige Mädchen Frisbee, Fußball, Fangen oder „Ringball“. Am Zaun hingen Kleidungsstücke zum Trocknen, ein paar Libellen surrten uns um die Köpfe, eine Kuh weidete etwas abseits am Zaun. Die Wiese war voll von Gelächter und guter Laune. Auch ich war mitten im Geschehen und spielte mit einigen Mädels fangen. Alle waren wir barfuß und spürten das weiche Gras unter unseren Füßen. Ich war gerade an der Reihe, die anderen Mädchen zu fangen. Also visierte ich Mahalagshmi an und düste los, als ich etwas Matschiges unter meinen Füßen spürte –  Holy Shit, ich war mitten in einen Kuhfladen gestiegen. Sofort verzog ich angewidert mein Gesicht und wischte meinen Fuß im Gras ab – ich wartete nur darauf, dass die Mädchen in schallendes Gelächter ausbrechen würden um sich über mich und dieses Missgeschick lustig zu machen. Ich blickte in ihre Gesichter und murmelte „iiih“ und „wääh“ vor mich hin, als ich merkte, dass mich die Kinder fragwürdig ansahen.

„Miss, this is God!“ merkte Sheeba aufklärend an. Sie beugte sich zu dem Kuhfladen und signalisierte mir mit ihren Händen, dass dies in Indien ein heiliges Geschenk Gottes sei. Ich musste schmunzeln, ja ich war in Kot getreten – doch war er heilig! 🙂

Welcome to India!

 
☀️ Die Gracy-Illam Mädchen, die SchülerInnen und LehrerInnen, alle Mitarbeiter, unsere Campus-Kühe und ich schicken euch ganz viele liebe Grüße aus Kuppayanallur. ☀️

P.S.: Fotoerklärung:

1) Auf dem einen Foto sieht man die Schlafhalle der Mädchen, am Abend nehmen sie ihre Matten vom Regal und schlafen auf dem Boden. Auf diesem Regal befinden sich übrigens all ihre Habseligkeiten.  (Vergleichbar mit meinen Habseligkeiten zuhause gibt mir das erneut zu denken! Liegt der eigentliche Reichtum in Bescheidenheit?)

2) Vor 2 Tagen hat uns ein Affe im Hostel besucht. Kreischend sind alle Mädchen herumgelaufen, denn manchmal können die größeren Affen gefährlich werden. Er hat uns aber bloß zugeschaut und ist dann wieder in den Baumkronen verschwunden. 🙂 Das hat unseren Tag ganz schön erheitert, noch am Abend haben wir über Affen geplaudert. 🐵

3) Die SchülerInnen haben sich in den letzten Tagen dem Schoolground gewidmet und Bäume, Blumen und Büsche gepflanzt. Am Campus befindet sich auch ein biologisch bewirtschaftetes Feld – die Schulleiter legen besonderen Wert darauf, mit der Natur zu arbeiten anstatt gegen sie. Dieses Bewusstsein muss, laut ihnen, verstärkt in Indien geschaffen werden, um den sorglosen Umgang mit Müll entgegenzuwirken.

 🌿 „Keep Loyola clean and green!“🌿

 

“If you replace ‘I’ through ‘we’, even ‘illness’ becomes ‘wellness’!”
(Spruch an einer Hauswand)
🌼

 

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alles neu #1

🌼 Vanakkam ihr Lieben 🌼

Ein Monat Indien, ein Monat voll staunen, schauen, entdecken, schnuppern, schmecken, lernen.

Ein Monat voll neuer Gesichter, neuer Sprachen, neuer Musik, neuer Stile, neuer Geschichten.

Ein Monat voller Veränderung, ich mittendrin.

Eindrücke 

Indien, das Land der Sinne, denn meine Sinne werden hier jeden Tag aufs Neue beansprucht. Ich probiere mich durch neue Gerichte, schmecke neue Gewürze, sehe so viele neue Menschen und bewundere ihren anderen Kleidungsstil, ihre bunten Saris, ihre Bindis („third-eye“ – Punkt zwischen den Augenbrauen), ihre Fußkettchen und Ohrringe, ich schnuppere die duftenden Jasmin-Blumen, die sich die Mädchen und Frauen ins Haar stecken, und die Masala-Gewürzmischungen. Schüttle so viele Hände und versuche mir die indischen Namen zu den Gesichtern zu merken. Höre die Sprachmelodie der tamilischen Sprache und versuche mitzureden. Ich dechiffriere die tamilischen Schriftzeichen auf Bussen, Geschäften, in Zeitungen und auf Wegweisern. Bestaune die Ochsen, die Karren ziehen, auf denen Männer in „Lunghis“ und Frauen in „Saris“ oder „Churidars“ (kurz: Chuddis) sitzen. Ich bin verwundert, wie viele Menschen auf ein Motorrad passen (ganze Familien ☺️) und wie wirr der indische Verkehr funktioniert. Ständiges Hupen – „hier komme ich!“ – Jeder ist Teil der Straße, Fußgänger, Radfahrer, Bikes, Rikschas, Autos, Ochsen, Kühe, Ziegen, Hunde, Busse, LKWs.
Tatsächlich sehe ich Kühe über die Autobahn stolzieren, oder auf Straßen pausieren.
Meine Augen genießen das satte, kräftige Grün der Reisfelder und nehmen die Bauern bei der Feldarbeit wahr. Mangobäume und Palmen mit Kokosnüssen spenden Schatten, ich sehe Schlangen, Eidechsen, Käfer, Katzen, Hunde, Ziegen, Kühe. Sogar ein, zwei Affen. Vanakkam. Willkommen in Tamil Nadu.

Lust auf indisches Feeling beim Lesen? Turn on some indian music while reading 

https://youtu.be/FQNyo5URsOc?list=PLo-rZP7UP-Fmhaxktws5YXUoVPXImE6rK
(classic tamil music)

https://youtu.be/tmNbVdYst2w?list=PL304B8FDD0E191EC2
(romantic song)

https://youtu.be/IgXp6GfTYYI?list=LLikp5lQZ_Q9B0SZq_o5EH5Q
(rhytmic movie song)

https://youtu.be/J8hIsomu2Kk?list=LLikp5lQZ_Q9B0SZq_o5EH5Q
(modern song)

🌼

Am 27. Juli bin ich in Chennai angekommen. Die erste Woche habe ich in Chennai (früher Madras) verbracht, um mich zu akklimatisieren. Außerdem hatte ich regelmäßig Tamil-Unterricht bei einer Lehrerin namens Stella, die mir Lesen und Schreiben beibrachte.

Abgesehen von dem tamilischen Alphabet (bestehend aus ca. 200 Schriftzeichen) erfuhr ich von ihr auch viel über die indische Küche, die Traditionen und das indische Leben.

Ich hatte schon viel über die indische Gastfreundschaft gehört, und trotzdem war ich sprachlos von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft Stellas. Sie gab mir Tipps bezüglich Essen (your right hand ist the only cutlery you need☺️ ), Kleidung (was man hier so trägt und wie man sich schmückt), Smalltalk (Did you eat? ist die erste Frage, die man sich hier stellt ☺️), Unterricht und Gewohnheiten der Tamilen.

 

In Kuppayanallur angekommen:

2 Stunden dauert die Fahrt von Chennai bis Kuppayanallur, wo ich den Rest des Jahres meinen Hauptwohnsitz haben werde. Der Campus der Higher Secondary School ist riesig, neben dem Schulgebäude gibt es ein Boys- und ein Girlshostel, die Jesuit-Residence, ein Bürogebäude und eine Versammlungshalle.

Mir hat man ein eigenes Zimmer im Girlshostel (Name: Gracy Illam) gegeben, wo ich mich mit einer Sister (Sister Antonia, 72 y/o) und mit einer Yoga-und P.E.T. Lehrerin (Miss Bernadette, 22 y/o) um die 40 Mädchen kümmere. Anfang September sind auch noch 4 Studentinnen aus Chennai gekommen, die hier ihr 4-monatiges Teacher-Training absolvieren.

Über das Hostel-Leben:

Die Mädchen hier sind alle im Alter von 11-18 Jahren und besuchen an der Schule den 6th-12th Standard (wäre bei uns Unter- und Oberstufe). Sie alle teilen sich einen Schlafraum und zahlen hier für den Aufenthalt inkl. Essen 20 Rupees pro Tag (~75 Rupees wären 1 Euro, 20 Rupees sind aber für viele hier sehr viel  Geld).
Das Hostel generell ist 3-stöckig, im Erdgeschoß befindet sich der Waschraum, eine Study-Hall, die Küche und Sister Antonias Zimmer. Im ersten Stock residieren die Mädchen, Bernadette, die Studentinnen, der Kitchen-Staff und ich. Die Stiegen weiter hinauf gibt es eine Dachterrasse mit wundervollem Blick über die Landschaft Indiens.  Oft sitze ich dort im Schatten eines Mango-Baumes und lese oder mache Yoga (die Mädchen und Bernadette sind wirklich tolle Lehrerinnen, und viel biegsamer als ich) ☺️

Der Hostel-Alltag beginnt sehr früh, ich schreibe euch hier kurz einen Timetable auf, damit ihr einen besseren Überblick habt:

05:00 Wecker (eine Glocke, die man im ganzen Hostel hört), gefolgt von der morgendlichen Wäsche
05:45 Yoga (auf der Dachterrasse, wo wir immer einen wunderschönen Sonnenaufgang beobachten können, den wir wortwörtlich mit dem Sonnengruß grüßen)
06:15 – 06:45 Study Time (wo Hausübungen gemacht werden oder gelernt wird)
07:00-07:30 Messe
07:30 – 08:00 Aufräumen und Putzen vom Hostel
08:00 – 08:30 Breakfast (die Kinder essen hier für gewöhnlich aus Schüsseltellern vor dem Hostel am Boden)
08:45 – 16:10 School (die Hostelkids kommen zum Mittagessen heim)
16:10 – 18:15 Free Time (da wird meistens geschlafen, sich ausgeruht, ein bisschen ferngesehen oder gespielt)
18:15 – 19:30 Study Time
19:30-20:00 wird gebetet (nicht alle Mädchen hier sind Christen, es gibt auch Hindus unter ihnen, aber da die Schule christlich ist, beten alle mit)
20:00-21:00 Dinner + Rest
21:00-21:30 Study Time (verpflichtend, und die die wollen (meist die Älteren) können bis 22:00 weiterlernen)
22:00 Bettruhe

Samstags gehen die Kinder allerdings nur bis 13:00 zur Schule, Sonntag ist schulfrei. Ich lebe ihren Alltag so gut wie möglich mit, bin bei den StudyTimes anwesend und helfe ihnen bei ihren Homeworks (die Tamil-Hausübungen übernimmt aber meist jemand anders 😛)

Ihr seht also, so ein indischer Hostel-Alltag ist ganz schön vollgepackt. Anfangs war es ziemlich anstrengend für mich, den Tag hier so mitzuleben. Vor allem das frühe Aufstehen fiel mir schwer, doch mittlerweile habe ich mich aus meiner bequemen Komfortzone herausgewunden und stehe mit den Mädchen auf. Eine antreibende Motivation erhielt ich von Father Sales, einem Jesuiten der hier lebt, mit dem ich einmal frühmorgens einen Spaziergang machte. Es überholte uns ein Bus mit Kindern darin (es war 5:30 a.m.) und ich nahm anfangs an, es handle sich um Schulkinder, wurde aber schnell aufgeklärt. Der Bus fährt täglich von Dorf zu Dorf und sammelt die jungen Kinder ein, um sie zur Arbeit (Feld, Fabrik) zu bringen. Sie haben keine andere Wahl, denn ihre Familien sind arm und brauchen das Geld. Schulbildung kommt für sie nicht in Frage.

Jeden Morgen also, wenn die Glocke schrillt, und ich es einfach nicht schaffe, die Augen offenzuhalten, denke ich an genau diesen Bus, der bald vor meinem Fenster vorbeifahren wird, um die Kinder zur Arbeit zu bringen. Ihr Tag wird mit Sicherheit härter werden als der meinige.

Die Schule befindet sich in ländlicher Umgebung, inmitten des Dorfes Kuppayanallur. Man hat diesen Standpunkt bewusst gewählt, denn die ärmste Bevölkerungsschicht Indiens lebt in Dörfern, die nach wie vor unterdrückt, vernachlässigt und in Armut gehalten werden. Auch die Mädchen hier kommen aus sehr armen Familien. Meistens sind die Kinder hier die erste Bildungsgeneration, die Eltern Arbeiter, without education.

Ich habe mich einmal erkundigt: Der durchschnittliche Lohn der Menschen hier, die meist Tageslöhner sind (also keine fixe Berufung ausüben) beträgt ca. 150 Rupees, das sind umgerechnet ca. 2€. Die indische Regierung ist per Gesetz verpflichtet, diesen Menschen 100 Tage Arbeit pro Jahr zu versichern.

Natürlich muss man den Wert des Geldes relativieren und an das Land angepasst denken. Ein ordentliches Abendessen für die Mittelschicht der Inder bekommt man (soweit ich das schon beurteilen kann) ca. ab 30, 40 Rupees an Essensständen bzw. Restaurants.
Den unterschiedlichen Wert des Geldes habe ich auch in anderen Situationen gemerkt: Mahalagshmi (ein 11-jähriges Hostelgirl) sind einmal 25 Rupees abhanden gekommen, die sie von ihrer Mutter bekommen hat. Das habe ich erfahren, als ich sie nach dem Grund ihrer bitterlichen Tränen gefragt habe. Als ich die Summe erfuhr, rechnete ich um: 25 Rupees sind nicht ganz 50 Cent, wenn ich die in Österreich verliere, ärgere ich mich nicht einmal wirklich darüber, doch vor allem für sie ist das ein Haufen Geld. Am liebsten hätte ich ihr die 25 Rupees geschenkt, doch es wäre nicht fair den anderen Mädchen gegenüber. Also litt ich stumm mit ihr und ihren Tränen mit.

Abgesehen von manch traurigen Momenten ist das Hostel aber voll von aufgeweckten, lachenden, spielenden und energiegeladenen Mädchen. Wir singen, zeichnen, spielen und plaudern miteinander, was mir große Freude bereitet. Sie lernen mir außerdem indische Tänze, „Kolams“ (Mandalas), Lieder und wie man Blumenschmuck anfertigt (ich brauche allerdings noch viel Übung 😛). Jede von ihnen hat einen eigenen Charakter und andere Vorlieben und Talente, alle zusammen ergeben wir einen buntgemischten Kuppayanallur-Masala-Mix.

Ich möchte euch noch eines über die Gastfreundschaft und Freundlichkeit der Mädchen erzählen: Obwohl sie aus sehr, sehr armen Familien kommen, schenken mir die Mädchen manchmal einige ihrer Habseligkeiten. Ich habe kaum Schmuck aus Österreich mitgebracht, sehr zum Missfallen der Kinder. Sofort sind einige zu ihren Koffern gerannt und kamen mit ein paar Ketten und Armbändern zurück. Vor einigen Tagen hat mir Jancy (16 Jahre alt) sogar einen Churdidar geschenkt.

Ich fühlte mich sehr schlecht, diese Geschenke zu bekommen, wo ich doch wusste, wie viel Schmuck und Kleidung verhältnismäßig zuhause in Österreich auf mich wartete. Anfangs wollte ich diese für die Mädchen sehr wertvollen Präsente nicht annehmen, habe immer wieder verneint und gemeint, sie sollen es doch lieber behalten, es würde ihnen doch viel besser passen als mir.

Und dann das Erstaunliche: Die Mädchen waren traurig und sogar fast etwas beleidigt weil ich ablehnte, sie insistierten weiter. Also nahm ich schweren Herzens an, und das brachte sie zum Strahlen, was wiederum auch mein Herz zum Strahlen brachte. Seitdem trage ich diese Geschenke mit großer Freude und Stolz, weil ich sehe, wie sich die Mädchen freuen, wenn sie mal etwas wiedererkennen.

Der Schul-Alltag:

Indischer Unterricht ist anders, das habe ich vom ersten Tag an gemerkt. Die Schulklassen sind gemischt, jedoch sitzen Mädchen auf einer Seite und Jungs auf der anderen. Unterrichtet wird frontal, es werden meistens Reime und Lieder auswendig gelernt, die die Kinder dann wiedergeben müssen, oder gemeinsam Texte gelesen (die LehrerInnen lesen Satzsegmente vor, die Kinder wiederholen). Leider werden die Kinder hier auch noch geschlagen, was mir immer wieder das Herz zerbricht. Trotzdem steht es mir nicht zu (und schon gar nicht nach bloß einem Monat Aufenthalt), das Schulsystem hier anzuklagen. Für mich ist es zumindest ein kleiner Trost, es in meiner Klasse anders zu machen als die meisten Lehrer hier (denn es sind nicht alle, die noch so unterrichten, was auch betont werden muss! – vor allem das junge Lehrpersonal differenziert sich oft von diesen Methoden).

Ich unterrichte zwölf Schüler der 6C (10 und 11 Jahre alt), die große Schwierigkeiten mit unserem Alphabet und der englischen Sprache haben und habe mit ihnen nochmal von vorne begonnen, die Buchstaben und deren Aussprache zu lernen, kann also gezielter und intensiver mit ihnen arbeiten.

Die Sprachbarriere entpuppt sich zwar wirklich manchmal als großes Hindernis, da die Kinder einfach nicht verstehen (oder verstehen wollen? 😛) was ich ihnen zu erklären versuche. Umso mehr freue ich mich, wenn sie erfolgreich sind und die Wörter, die ich an die Tafel schreibe, lesen und verstehen ☺️

Einmal wöchentlich unterrichte ich auch die 9B, die schon etwas mutiger sind und mich mit englischen Fragen bombardieren, sobald ich das Klassenzimmer betrete. ☺️
Da ich (noch) nicht viel Tamil spreche, sind die Kinder nämlich gezwungen, Englisch zu sprechen, was den meisten, wie mir scheint, großen Spaß bereitet.

Ich habe bis jetzt Mo-Sa täglich 1 x 45 Minuten Englisch-Unterricht in der 6C, am Donnerstag sind es 2 Stunden (Vormittag und Nachmittag), + 1 x 45 Minuten mit der 9B. ☺️

Was ich euch hier zum Schulleben noch erzählen mag: Ich habe mittlerweile schon zwei Schulveranstaltungen miterlebt, den Sports Day und den Annual Day. Beim Annual Day haben sogar  sechs Hostelgirls zwei englische Lieder gesungen, die ich mit ihnen einstudiert habe. Es hat mich so fröhlich gestimmt, die verschiedenen Auftritte der SchülerInnen mitzuverfolgen, wie sie auf der Bühne strahlen und Spaß an der ganzen Aufmerksamkeit haben. Indischen und westliche Tänze, Drama, Reden, jede/r konnte seine/ihre verschiedenen Talente entfalten und es genießen, etwas zu „schaffen“ und es sogar auf der Bühne zu präsentieren. ☺️

Es ist hier immer wieder was los, es kamen auch schon einige Gastredner, die den SchülerInnen Mut zusprechen und sie motivieren, ihr Leben selbst zu bestimmen. Vor allem eine indische Feministin, die zu den Mädchen sprach, inspirierte mich besonders.

Sie meinte unter anderem:

„Education is the key to changing your life, don’t blame your circumstances, if you get an opportunity, grab it!!!“

„Have a dream, live a dream and make your life a dream. Don’t be dependent from anybody!“

Sie ließ die Kinder nach der Reihe vorkommen, um sie nach ihren Träumen zu fragen: da gab’s DoktorInnen, LehrerInnen, PolizistInnen,… Das zeigte mir umso mehr den Willen, den die SchülerInnen hier haben: Sie wollen ihr Leben ändern, ihre Situation verbessern, sie haben alle große Träume und ich hoffe, dass sie sie verwirklichen können. ☺️
Die Feministin sprach vor allem den Mädchen zu und betonte, dass sie niemals aufhören sollen, an ihre Träume zu glauben, nur weil sie einer gewissen Bevölkerungsschicht/Kaste angehören, für die das eigentlich nicht üblich ist und, weil sie noch dazu weiblich sind (denn Frauen werden in Indien leider Gottes nach wie vor sehr, sehr schlecht behandelt und den Männern untergeordnet).

Es bringt mich schon zum Nachdenken, dass Schulbildung in Indien keine Selbstverständlichkeit ist. Die arme Bevölkerungsschicht (also der Großteil der indischen Bevölkerung) hat  normalerweise keinen Zugang zur Bildung, viele Kinder können demnach nur davon träumen, einmal ein Klassenzimmer von innen zu sehen.

Ich  finde es umso schöner, dass sich die Jesuiten hier (die die Schule leiten) so bemühen, die Kinder zu ermutigen und ihnen einen Weg weg von der Armut zu zeigen.  Sie sind sich der schlechten vorherrschenden Situation (vor allem der der Frauen) bewusst, und setzen dem entgegen.

Ein paar  Zitate, die mich sehr berührt haben:

„Raise your voice for the voiceless poor“
(Jerry Rosario)

“There’s no need to be rich in order to give, it’s enough to be good.”
(Vidyajyoti Journal No.7)

“Give and do not count the costs.”
(The practice of love, D’Costa, Dhruv, Franco)

 

Abschließend kann ich euch also sagen, dass es mir hier sehr gut geht und ich mich wohlfühle, jeden Tag wird dieser Ort hier mehr zu meinem Zuhause.

Ich lerne täglich, alles immer von beiden Seiten zu betrachten und zu relativieren. Man könnte sich also denken: Schrecklich, dass die Kinder hier geschlagen werden, aber gut, dass sie überhaupt (da sie ja erste Bildungsgeneration sind) zur Schule gehen können. Das System kann man nicht von einem Tag auf den anderen ändern, es wird einfach noch viel Zeit benötigen, bis sich die vorherrschende Situation verbessert.

Ein weiteres Beispiel: Als ich hier ankam und mein Zimmer das erste Mal sah, dachte ich an mein Zimmer in Österreich und sehnte mich etwas danach, weil es mir schöner und bequemer erschien. Als ich aber nach ein paar Tagen realisierte, dass es in Indien für die ärmeren Leute normal ist, auf Matten am Boden zu schlafen, fühlte ich mich schon ein wenig schlecht wegen meinen anfänglichen Gedanken. Bereits jetzt habe ich mir vorgenommen, nicht immer über alles ein Urteil zu fällen, sondern erst einmal abzuwarten, zu relativieren, zu beobachten und die Gegebenheiten zu verstehen.

Soviel zu meinem ersten Monat, ich hoffe, ich konnte euch einen ersten Einblick in mein Leben hier verschaffen und hab euch nicht zu vollgeschwafelt, aber ich hatte einfach viel zu schildern. Wer neugierig geworden ist und mehr wissen möchte, kann mich sehr gerne kontaktieren (E-Mail im Impressum) ☺️ Ich freue mich auch über jeden Kommentar hier auf meinem Blog!

Und eins noch: Indien ist wirklich BUNT – bunt an Menschen, bunt an Kleidung, bunt an Religionen, bunt an Essen, bunt an Geschichten ☺️ – Die folgenden Fotos geben euch ein paar Eindrücke zum Schulalltag und zum indischen Leben. (Wenn ihr Fragen zu einem bestimmten Foto habt, und dessen Geschichte wissen möchtet, könnt ihr mir auch diesbzgl. schreiben).

Pojtu Wareen (Tamil, bedeutet so ungefähr: ich gehe und komme wieder – ihr hört von mir!) – ☀️ sonnige Grüße aus Kuppayanallur ☀️

Eure Teresa ☺️

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Liebes Christkind…

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Liebes Christkind,

Heute ist Weihnachten, drum schreib ich dir seit langem mal wieder einen Brief. Früher hab ich das jedes Jahr gemacht, hab jedes Jahr ausführlich aufgeschrieben, was ich mir alles wünsche, früher, als ich noch ein kleines Mädchen war. Da standen mit Lineal und Buntstiften schönst ummantelt Radios, Tamagotchis, Gameboys, Bücher und CDs auf der Liste.

Heuer schreib ich dir, weil ich hier in Indien lernen darf, wieder zu dem kleinen Mädchen zu werden. Mit dem Funkeln in den Augen, wenn es hört, dass bald das Christkind kommt. Wahrscheinlich, weil das viele Funkeln und Leuchten der Kinder um mich herum irgendwie auf mich übergesprungen ist. Aber heute zähl ich dir nicht meine Wünsche auf, sondern erzähl dir, welche du bereits erfüllt, und damit meine kleinen großen Mädchenaugen zum Strahlen gebracht hast.

Ich sage DANKESCHÖN, dass Lilli und Vinitha, die sich tagtäglich (!) von früh bis spät in der Küche abrackern und uns mit köstlichstem Essen versorgen, jetzt 4 Tage frei bekommen (ein bahnbrechendes Ereignis in dieser männerdominierenden und Frauen domestizierenden Gesellschaft, und lange keine Selbstverständlichkeit, denn normalerweise arbeiten sie Montag-Sonntag hier am Campus! Wenn sie nachhause gehen, geht dort die Arbeit aber weiter, denn sie müssen dort den Haushalt „schupfen“. POWERFRAU bekommt für mich hier eine ganz neue Bedeutung!).

Ich sage DANKESCHÖN, dass die 10th and 12th Standard SchülerInnen, die ursprünglich keine Ferien hätten, um sich für das wichtige Public Exam im März vorzubereiten, nun doch nachhause zu ihren Familien durften, um gemeinsam Weihnachten zu feiern und die Ferien zu genießen.

Ich sage DANKESCHÖN, für all die herzensguten Menschen, die ich hier kennengelernt habe und für die Liebe und Geborgenheit, mit der man mich hier aufgenommen hat und mit der man mir tagtäglich aufs Neue begegnet.

Ich sage DANKESCHÖN, dass ich lernen darf, wieder zum Kind zu werden. Wieder einfach zu werden und zu schätzen, was vorher längst zur Selbstverständlichkeit geworden war. Dass ich lernen darf, was Teilen bedeutet, was zuhören bedeutet, was für-andere-da-sein bedeutet und mich wieder an den kleinen (großen?) Wundern des Lebens zu erfreuen.

Ich sage DANKESCHÖN, danke, danke, ein unglaublich großes Dankeschön für all die lustigen, traurigen, ernsten, spaßigen, zornigen und herzerwärmenden Erlebnisse, die ich hier in Kuppayanallur mit den Menschen erleben darf.

Vielleicht klingt das alles sehr kitschig für Dich, aber an Weihnachten darf es schon mal kitschig werden. Wann, wenn nicht heute.  🙂

Warte, liebes Christkind, ich möchte an dieser Stelle doch noch meinen Weihnachtswunsch mit Dir teilen. Den einen, den ich heuer hab:

Ich WÜNSCHE mir, dass es gerechter zugeht auf dieser Welt. Dass kein einziges Menschenwesen wegen Rassismus, Krieg, Armut, Hunger oder irgendeiner Form von Unterdrückung Leid erfahren muss – besser gesagt:

Ich WÜNSCHE mir, dass die Menschen, die für solches Leid verantwortlich sind, zur Besinnung kommen!

Ich WÜNSCHE mir, dass ihnen wie Schuppen von den Augen fällt, wie viel Schaden ihr Tun anrichtet!
Ich WÜNSCHE mir so sehr, dass jede/r bei sich selbst anfängt, an die anderen zu denken, ganz egal wie groß wie klein woher wie alt wie hell wie dunkel wie gscheit wie gschickt wie auch immer.

Und ich denke heuer ganz besonders an die Kinder, die ich hier so tief in mein Herz geschlossen habe und WÜNSCHE ihnen für ihr ganzes Leben rein das BESTE!!!

Ich WÜNSCHE mir, dass man sie anständig behandelt, wie es JEDER MENSCH auf Erden verdient hat.
Ich WÜNSCHE mir, dass man sie wertschätzt, sie wahrnimmt, sie für voll nimmt, ihnen zuhört, sie respektiert, Kaste Geschlecht Hautfarbe Zahnlücke Kontostand Bildungsgrad Lieblingsessen EGAL!!

Ich WÜNSCHE mir einfach so sehr, dass wir Menschen wieder mehr für einander da sind und uns wieder richtig in die Augen sehen, uns richtig Ohren schenken, dass sich unsere Herzen wieder richtig berühren.

Oh, jetzt sind aus dem einen Wunsch doch gleich ein paar geworden, liebes Christkind. Vielleicht kannst Du ja das ein oder andere für mich tun.

Und ein letzter Wunsch:

Ich WÜNSCHE DIR von ganzem Herzen frohe Weihnachten, ein besinnliches, wunderschönes Fest und dass es Dir gut gehen mag! Danke für dein Ohr! 😊 💖

Deine Teresa

 

PS: Ich schick dir ein paar Fotos von der Weihnachtsfeier in Ongur bei den 4-10 jährigen Hostelkindern und von den letzten Kuppayanallur-Tagen mit, damit Du Dir besser vorstellen kannst, wie ich hier trotz der „frühsommerlichen“ tamilischen Wintertemperaturen doch noch in Weihnachtsstimmung kam. Es folgt eine kunterbunte Mischung von einer Reise nach Betlehem inklusive schauspielerischer Weihnachtsmeisterleistung, über funkelig-glitzernde Weihnachtskrippen bis hin zu verrückten Study-Time-Einblicken, bei denen Teresa Miss sichtlich die Kontrolle über ihre Schäfchen verlor. Es soll an nichts fehlen! 😛  😊

PPS: Wie ich Weihnachten heuer verbringe?

Am 21.12. hatten wir eine wunderschöne Kinder-Weihnachtsfeier im Hostel, mit Chai, Schokolade, Engerl-Bengerl-Auflösung und 80 strahlenden Kinderaugenpaaren, als sie ihre Geschenke erhielten. Nicht alle Kinder konnten es sich leisten, Geschenke zu kaufen. Das schöne war, dass eine einfache Umarmung und ein Küsschen auf die Wange den „leer ausgehenden“ Bengerln mehr als genug war, es gab keine Zankerein, keine Eifersucht und keine gierigen Blicke auf teurere Geschenke – was mich sehr überrascht hat und mir ein Lächeln ins Gesicht zauberte.
Einzig Janani, meiner kleine 6th-standard-Maus, kullerten viele Tränen über die Wangen. Als ich mich erkundigte, was denn los sei (und erwartete, es sei wegen ihren leer ausgehenden Händen), wurde ich erneut von den Mädchen eines besseren gelehrt: Sie weinte, weil sie ihrem Bengerl nichts geben konnte. Sie weinte tatsächlich, weil sie sich schlecht fühlte, ohne Geschenk dazustehen. Die eigenen leeren Hände waren mehr als nebensächlich. Erneut durfte ich etwas für mein Leben lernen.

Am 22.12. war ich in Ongur bei der Weihnachtsfeier der jüngsten Hostelkinder (4-10 Jahre jung), die sich mit Drama, Songs und Tänzen richtig ins Zeug gelegt haben. Belohnt wurden sie mit köstlichem vegetable rice und Kuchen. 🍰

Gestern wurden dann alle Hostelmädchen von ihren Familien abgeholt, bis auf Tamilwani, weswegen bittere Tränen geflossen sind, aber gemeinsam haben wir dann doch noch einen coolen Abend zu zweit im Hostel verbracht. Wir haben getanzt und unsere Hände  mit Mehandis verziert und hatten richtig viel Spaß, ausgeschlafen haben wir heute auch! Nach dem Frühstück wurde sie auch schon von ihren zwei Schwestern abgeholt, die Freude war unermesslich. 😊
Ich werde heute am Nachmittag ins Dorf zu meinen Freundinnen und ihren Familien gehen, um den Tag mit ihnen zu verbringen. Nachts spazieren wir dann ins Nachbardorf Ongur (ca. 20-minütiger Fußweg querfeldein), wo um 11:00 p.m. die Weihnachtsmesse beginnt. Auf die freu ich mich schon besonders, denn all die Menschen aus all den umliegenden Dörfern werden sich hier versammeln.  Meine Freundinnen, die Familien aus den Dörfern, meine LehrerkollegInnen, wir alle werden gemeinsam Weihnachten feiern. Ich hab mir außerdem sagen lassen, dass es danach für alle Chai und Cakes gibt, ich lass‘ mich überraschen. 🍰😜
Morgen verbringe ich dann einen ruhigen Tag in Kuppayanallur und werde befreundete Familien besuchen.

Am 26.12. muss ich mich von meiner Freundin Vincy verabschieden, was mir sehr schwer fallen wird. Sie hat nach langem geduldigen Warten und Hoffen ein Stipendium für einen 3-monatigen Englisch-Kurs bekommen, was mich wiederum sehr, sehr glücklich stimmt. Denn wenn die Mädchen hier keine gute Ausbildung genießen können und deshalb keinen Job bekommen, heißt es für sie: marriage, children, housework, housework, housework. Daran sind schon viele Träume zerplatzt. Vincy, die momentan täglich zuhause kocht, putzt, babysittet, … hat noch nicht aufgegeben, zu träumen. Sie hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, und jetzt hat sie es tatsächlich geschafft. YOU GO GIRL!

Am 27.12. fahre ich nach Chennai und bekomme Volunteer-Besuch aus dem Norden, von Richard und Clara. Gemeinsam werden wir dann durch die Weihnachtszeit reisen.

So, nun aber Schluss mit Briefeschreiben. Viel Spaß beim Fotos-anschauen. 😊

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